Vom Nichtverstehen, dem Todestrieb und anderen Todesphänomenen der Psychoanalyse. Eine persönliche Theoriegeschichte

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Im Folgendem soll vom Nichtverstehen die Rede sein sowie vom Todestrieb und anderen metapsychologischen Todeskonzepten. Ferner geht es um eine persönliche Konfrontation mit dem Todesthema. Es folgt ein Apercu aus der psychoanalytischen Praxis. Zum Schluss wird angeschnitten, wie der Psychoanalytiker in der Kur dem Irreduziblen begegnen kann.

Das Nichtverstehen als Todesmoment und Einstieg in die Psychoanalyse

Mein Interesse an der Psychoanalyse hängt eng mit einigen Erfahrungen zusammen, die ich an der legendären „Sigmund Freud Schule Berlin“ gemacht habe. Ich erinnere mich, wie ich dort neben Vorträgen, erstmalig zu Lacan, etwa der Lacanschen Signifikantentheorie,1 dem „Ich in der Technik der Psychoanalyse“ oder zu Gödels Unvollständigkeitstheorem eine Reihe literaturwissenschaftlicher Vorträge zu hören bekam, mit denen ich trotz eines romanistischen Literaturstudiums so gut wie nichts anfangen konnte. Meiner Erinnerung nach lag das nicht allein an der Neuheit der behandelten Gegenstände, sondern hatte vor allem mit der Art und Weise zu tun, wie ich als Hörerin aufnahm, was es da zu hören war. Zum größten Teil verstand ich es nämlich gar nicht. Ich möchte fast sagen, mein damaliges Hören war so eingeschränkt, dass an alle den vernommenen Reden nur Grammatik und Semantik Wiedererkennungswert hatten. Vielleicht gab es noch einige literarische Zusammenhänge, die mir bekannt vorkamen, doch das Allermeiste schien mir ein Buch mit sieben Siegeln zu sein. Obwohl solche Eindrücke unbehagliche Gefühle hinterließen, zähle ich sie heute zu den faszinierendsten, die ich im Laufe der Zeit gemacht habe.

Von heute aus betrachtet, ließe sich sagen: Mir ging es auf einer lebenszeitlich fortgeschrittenen Stufe beinahe wie einem Kind beim Sprechenlernen, und wie dieses war ich nicht in der Lage, die Bedeutungen des Gesprochenen zu erfassen, nahm nur an, dass das Gesagte einen Sinn machen müßte und mußte erst lernen, aus dem Fluss des Gehörten Signifikanten heraus zu hören und dazwischen Beziehungen zu erkennen.

Was den Hintergrund dieses entscheidenden Nichtverstehens angeht, über das für mich paradoxerweise die Tür zur Psychoanalyse aufging, so muß natürlich auch die berühmt-berüchtigte „Unleserlichkeit/illisibilité“ des Lacanschen Sprechens erwähnt werden, mit der an die eigentümliche Qualität des Unbewußten, namentlich seine Unzugänglichkeit erinnert sein soll. Mit einiger Berechtigung möchte ich annehmen, dass den damaligen Vortragenden der „Sigmund Freud Schule“ daran gelegen, ihre Zuhörer genau darauf einzustimmen; auf das Unbewusste nämlich, das schon bei Freud als topische Größe diese unzugängliche Todesdimension darstellt und sich, mit Lacan gelesen, vollends als die andere, fremde Dimension erweist, die sich dem Zugriff des verstehenden Hörens entzieht. Schließlich verhält es sich mit dem Unbewussten partiell nicht anders als energetisch mit den Trieben, die als Todestriebe ja ihrerseits stumm und an sich nicht zugänglich sind.

Das ungefähr könnte ich heute als Erklärung meiner damaligen Hörerfahrungen anführen. Und genau das wäre, nebenbei gesagt, manchmal weiterhin wert, sich in Erinnerung zu rufen, wenn einem nach Jahrzehnten des Arbeitens mit der Psychoanalyse immer noch solches Nichtverstehen widerfährt.

Allerdings macht das Wissen um die Gründe des Nichtverstehens die Sache nicht annehmbarer. Denn dass im Seelenleben der Tod, bzw. das Tote, alias das Unbewußte die Regie führt, braucht seine Zeit zum Verstehen. Für mich jedenfalls war Einiges an Theoriearbeit und konkreten Erfahrungen nötig, bis ich verstand, dass das Nichtverstehen in der Natur des Psychischen liegt.

An erster Stelle gehörte dazu die Beschäftigung mit dem Freudschen Todestrieb, für den ich naiverweise die Studenten in meinen frühen soziologischen Seminaren zu gewinnen versuchte, nicht ahnend, wie umstritten und affektiv aufgeladen, zumal in den Ausläuferzeiten der soziologisch und politisch dominierten Rezeption der Psychoanalyse, gerade dieser Begriff war. Dass ich mit einer Lacanschen Definition wie „Das Leben denkt nur ans Sterben“2 in den Geruch Heideggerianischer Ontologisierungstendenzen geraten könnte, hätte ich so nicht für möglich gehalten – ebensowenig, dass man deshalb sozial isoliert werden könnte. Da halfen weder elaborierte Theorien noch die Haus- und Volksmärchen der Gebrüder Grimm, bei denen ja auf ähnliche Weise von Leben und Tod erzählt wird, wie etwa im Märchen von Schneewittchen, in dem es um nichts anderes als um die Tatsache des symbolischen Todes geht, um den man im Leben nicht herum kommt.3 Jeder Versuch dazu ist unweigerlich zum Scheitern verurteilt. Im Märchen wird noch erzählt, was geschieht, wenn man das nicht wahrhaben will, dass es nämlich nichts nützt, dabei von anderen unterstützt werden, etwa von einem mitleidigen Jäger, der zum Beweis für den Tod des Subjekts die Stiefmutter mit Simulacren zu täuschen versucht. Das Märchen lässt keinen Zweifel daran, dass solche Unterfangen nicht gelingen, sondern das Subjekt, Schneewittchen, unvermeidlich an einem Ort tot ist – obwohl das im Märchen immer noch gut ausgeht und die Liebe über den Tod siegt.

Naive Begeisterung meinerseits dennoch für die neue Idee von der unentrinnbaren Verschränkung von Tod und Leben. Möglich, dass zuweilen ein genießerischer Umgang mit einfloss, vielleicht auch eine kleine Theoriekoketterie.

Und an Stoff zum Genießen war in der psychoanalytischen Theorie wahrlich kein Mangel. Im Gegenteil: Ein Theorem wie die „Kastration“, diese Bedingung der Sexualität, bot ausgiebig Gelegenheit, sich über lange Zeit daran zu erfreuen. Ich habe dem Thema mit der Ausarbeitung der Frage nach der weiblichen Sexualität denn auch einige Jahre gewidmet. Auch hier stellte sich dasselbe Faszinosum von Unzugänglichkeit und Unverständlichkeit ein, und war erneut diese Ambivalenz aus Anziehung und Abstoßung zu verspüren, wenngleich nach meinem Dafürhalten die Frage der Sexualität nicht mehr auf der Ebene abstrakter Begrifflichkeiten zu halten war, sondern zu praktischen Stellungnahmen herausforderte, nämlich bekämpft oder angenommen werden musste. In meiner theoretischen Biografie unterlag das einigen Schwankungen: Von der Verteidigung der These von der dem Weiblichen zugeschriebenen Todesdimension gegen die rein lebensbejahenden, feministischen Kritikerinnen über Versuche, die Zuschreibung inner-lacanianisch als einseitig zu entlarven bis zu dem Nachweis, dass weibliche Sexualität beim späten Lacan als diskursbegründend verstanden wird. Gleichwohl war ein Restunbehagen an der Konstruktion nie ganz aufzulösen, sondern blieb der Eindruck zurück, dass das Weibliche wegen der kulturellen Phantasmen aus seinem Todesschatten wohl nicht herauszulösen war. 4

Doch das Todesthema blieb weiterhin anziehend. Als ich vor kurzem alte Texte, die sich bei mir angesammelt hatten, durchsah, wurde mir das noch einmal deutlich. Unter all diesen Notizen, Vorträgen und Aufsätzen tauchte immer wieder, in unterschiedlicher Ausgestaltung, das nämliche Thema auf.

Auch meine Langzeitbeschäftigung mit dem wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse lief darauf hinaus. Es stellte sich hier heraus, dass die Psychoanalyse, insofern sie nicht derselben Logik wie die Naturwissenschaften gehorcht – weshalb sie nebenbei gesagt auch nicht mit den Neurowissenschaften vereinbar ist – schon in ihren Konzepten und Begriffen (Sprechen, psychischer Apparat, Trieb, Verdrängung) durch die Alterität des Unbewussten eingeschränkt wird, genauer gesagt, durch das Nicht Passende, Nicht-Einzupassende, Unassimilierbare der Psyche, das Tote. Womit sich das Tote jetzt als der Grenzpunkt der psychoanalytischen Wissenschaftlichkeit herausstellte.5

An der Insistenz des Freudschen Todesgedankens bestand mithin kein Zweifel.

Texte wie „Totem und Tabu“,6 der „Untergang des Ödipuskomplexes“,7 aber auch der „Entwurf einer Psychologie“ von 18958 machten das immer schon deutlich. Sie gaben überdies zu erkennen, warum der Tod für die Psychoanalyse so bedeutungsvoll ist und seine Theoretisierung überhaupt erst der Sondersituation der menschlichen Individuen Rechnung trägt, also der der menschlichen Hilflosigkeit geschuldeten „Not des Lebens“. Gleichzeitig wurde deutlich, wie auf der Grundlage des Toten die Freiheit des Begehrens und Wünschen garantiert werden kann, die ja das Ziel aller praktischen Psychoanalyse darstellt. Auf allen Ebenen wiederholte sich also der eine Gedanke, wonach das Leben, das psychische Leben, aus den Ablagerungen des Todes entspringt, dass Leben überhaupt als ein „Überlebsel“ des Todes zu betrachten ist.

Man konnte fast den Eindruck bekommen, bei der Philosophie Schopenhauers gelandet zu sein. Und in der Tat, mit der Idee des Todes als absolutes Nichts, dem Nirvanaprinzip lehnt Freud sich ausdrücklich an den Philosophen an,9 auch wenn seine Vorstellung vom Tod ganz anderer Natur ist, nämlich eine Absage an Glückseligkeits- und Erlösungswünsche darstellt (und der stummen „Not des Lebens“ ) und stattdessen dem Widerstreit der im Seelenleben regierenden Kräfte, Eros“ und „Thanatos“, Lebens-und Todestrieb Raum gibt. Nicht ohne doch genau auf diese Weise das Leben aufrecht zu erhalten. Zu sehen ist das inbesonders in der Apparatekonzeption der Psyche, in der Freud, zunächst klassisch-philosophisch, die Lust zum Prinzip erhebt (Lustprinzip), um sogleich eine innere Gegenläufigkeit, Tendenz zur Abfuhr daran herauszustellen, das Nirvanaprinzip.10 Mit der Folge, dass Lust nicht mehr zur Erfüllung führt, sondern, Lacanianisch formuliert, wegen ihrer toten Restspuren partiell immer unbefriedigt ausfällt. Interessant ist, dass solche Setzungen nicht zwangsläufig einen nekrophilen Pessimismus oder ein Verleugnen sozial repressiver Verhältnisse anzeigen – eine Annahme, die in der marxistischen Diskussion gerne gepflegt wurde – sondern (nach Auffassung Lacans) eher von einer Erfahrung zeugen, die Lacan als nichts weniger und nichts mehr als die moralische Erfahrung der Psychoanalyse bezeichnet.11

Wie dem auch sei, für mich hatte sich jedenfalls gezeigt, dass das (partielle) Misslingen der Lust mit der Begründung des Psychischen im Tod zu tun hatte und durch den Umstand verursacht ist, dass Wünsche und Lust nicht einfach zum Wohl der Wünschenden gemacht sind, sondern die Individuen manchmal wahrhaft untergraben.

Das Unsagbare

Anfang 1995, kurz nach der Wende, war ich zu einem Vortrag vor dem Wittenberger Kreis für christliche und jüdische Gespräche eingeladen. Bezugnehmend auf die damals beunruhigende Gewaltwelle im Osten des Landes stand die Tagung unter dem Thema: „Umgang mit Haß und Gewalt in Judentum und Christentum“. Da ich zu jener Zeit sowohl mit Aggressivität und Gewalt wie mit FreudsMoses“ beschäftigt war, kam mir das Thema nicht ungelegen, und ich kam gut vorbereitet mit einem ausführlichen Beitrag angereist. Dennoch wurde die Tagung für mich zu einem Erlebnis der besonderen Art. Es fing an mit der Verwunderung über eine, so noch nie gesehen, heruntergekommene Stadt, immerhin schon sechs Jahre nach der Wende; machte sich fest bei den Umständen der Unterbringung, setzte sich fort im Erstaunen über die Zusammensetzung der Teilnehmer – unter denen neben zahlreichen Christen auch vier zu DDR-Zeiten im Amt gewesene Rabbiner waren – und kulminierte im regelrechten Erschrecken über den Verlauf der Diskussionen.

Was mich so verstörte: In meinem Beitrag hatte ich, ausgehend von dem Verhältnis von Psychoanalyse und Religion, versucht, eine Skizze der psychoanalytischen Schuld-Ethik vorzustellen, also Freuds Einspruch gegen die Überforderung durch das Gebot der Nächstenliebe, um diesem Züge einer jüdischen Ethik entgegenzuhalten und zum Schluss mit einigen Erklärungen zu Angst und Aggressivität zu enden. Alles in allem ein ambitioniertes Programm, mit dessen Ausführung ich nicht unzufrieden war. Es wurde denn auch sehr höflich, sehr freundlich aufgenommen und mit einigen, wenigen Fragen honoriert, wonach man zum nächsten Beitrag überging.

Befremdet und regelrecht vor den Kopf gestoßen fühlte ich mich jedoch, nachdem mein anfängliches Befremden über den mir ungewohnten DDR-Diskurs gewichen war, als alle Erklärungsangebote nicht ankommen wollten und die Diskussion sich zunehmend auf die Frage zuspitzte: Wie konnte das geschehen, der Mord an fünf Millionen Juden? Wobei die Frage immer und immer wieder gestellt wurde, so als sei nie eine Antwort dazu versucht, nie eine gegeben worden, als wären dazu hier und jetzt überhaupt keine Sätze gefallen.

Nach der Tagung, als einige der Teilnehmer noch zusammensaßen, getraute ich mich, meiner Verwunderung Ausdruck zu geben; woraufhin ich mich seitens eines prominenten jüdischen Referenten umgehend mit der Frage konfrontiert fand, ob wohl auch Juden zu meinen Freunden zählten. Ich verstand immer weniger. In der Nacht darauf dachte ich ernsthaft an vorzeitige Abreise. Nur die Höflichkeit gegenüber meinen Gastgebern hielt mich davon ab. Doch die Wirkung der rätselhaften Botschaft dieser Tagung sollte noch einsetzen. Mit einiger Verspätung meinte ich, doch etwas von ihrem Sinn verstanden zu haben: Hier hatte zum einen die Tatsache des Sprechen an sich im Raum gestanden, der zufolge Sprechen unweigerlich auf der Erkenntnis des Todes beruht und alles Sprechen im Grunde auf Verbindungsabbruch (Kastration) und Wiederholungen hinausläuft. Das gilt besonders, wenn ein erlebtes Grauen zugrunde liegt. Zum anderen glaubte ich, auf extreme Weise, erneut auf das erwähnte Nichtverstehen, Nichtzuverstehende gestoßen zu sein, auf das Undenkbare, Unfassbare, Reale, das auf so extreme Weise durch den Holocaust verkörpert wird, auf den es deshalb keine Antwort geben kann und keine gibt.

Wenn eine Theoretisierung an dieser Stelle nicht unpassend wäre – obwohl das fragliche Theorem gerade aus Analyseerzählungen über den Holocaust stammen soll – so müsste hier der Lacansche Begriff des Realen zu Sprache gebracht werden/stehen, der für das nicht enden wollende Unfassbare steht, für das, was „nicht aufhört, sich nicht zu schreiben“.12 Auf Fragen, die das Reale berühren, wird man keine Antwort finden, kann man im besten Fall nur Gegenfragen erwarten.

Das zu meiner Lektion in Sachen Sprechen und Tod, von der aus ich besser verstanden habe, was Freud den „Wiederholungszwang“ nennt. – Das führt mich nun in die psychoanalytische Praxis.

Wiederholungszwang

Aus der Praxis der Psychoanalyse war mir das Wiederholungsphänomen nur allzu gut bekannt. Es hatte mir in der Arbeit mit Analysanten des Öfteren zu schaffen gemacht. Zahllose Beispiele ließen sich dazu anführen. Trotz allseitigen Bemühens, meines eigenen wie dessen der Analysanten, die bei mir die Kosten der Analyse selbst tragen müssen, war manchmal nämlich nicht zu übersehen, dass einiges nicht voranging. Im Gegenteil schien die Kur bei manchen Patienten auf der Stelle zu treten. Das mochte sich wie bei dem Mann, der Männer liebt, so auswirken, dass er sich zum wiederholten Male in einen Mann verliebte, der lieber mit Frauen zusammen war. Ein anderer fühlte sich auf jeder Arbeitsstelle aufs Neue von seinen Kollegen gemobbt und auf die Probe gestellt. Wieder ein anderer glaubte sich immer wieder von seinen Freunden ausgenutzt. Eine Analysantin schließlich kam jede zweite Stunde mit derselben Klage über den ungeliebten Beruf daher, ohne über die Jahre hinweg auch nur daran zu denken, etwas zu verändern.

Die Psychoanalytikerin fühlte sich zuweilen vor den Kopf gestoßen, es machte sie oft ratlos, zuweilen, offen gesagt, aber auch ärgerlich. Das geschah vor allem, wenn deutlich wurde, dass diesen Wiederholungen weder mit guten Ratschlägen noch klugen Erklärungen beizukommen war. Im Gegenteil, nach wohlmeinenden Hilfestellungen nahmen die Klagen beinahe zu, abgesehen davon, dass die Verantwortung für die ausweglose Situation nun plötzlich der Anderen, nämlich der Psychoanalytikerin zugeschoben wurde, was das Symptom zusätzlich verfestigte.

Es lag also kein Trost in der Erkenntnis, dass Wiederholungen dieser Art als Abkömmlinge des Todestriebs bezeichnet werden können.13 Einen freundlicheren Umgang mit dem Wiederholungszwang versprachen deshalb die Inszenierungen der masochistischen Symptome. Ein Alltagsbeispiel von der Couch mag das illustrieren.

Herr A. ist seit einiger Zeit in Psychoanalyse. Schon im Vorgespräch stellte sich der sanfte junge Mann als jemand vor, der Lust an perversen Inszenierungen hat. Er lebte in einer stabilen Beziehung, pflegte aber von Zeit zu Zeit in speziellen Clubs seinen erotischen Neigungen nachzugehen. Aber nicht deswegen war er zu mir gekommen, sondern weil er sich oft auf eine belastende Weise verantwortlich fühlte. Sein Freund bereitete ihm einige Sorge, da er gesundheitlich permanent in Gefahr war. Trotzdem war es nicht in erster Linie die Krankheit des Freundes, die ihm zu schaffen machte, als vielmehr die Annahme, für alles und jedes zuständig zu sein, alles regeln zu müssen. Zentraler Aspekt war dabei die Angst.

Aus seinen Erzählungen:

Ohne es zu wollen, kam Herr A. in die Lage, ein Telefongespräch seines Freundes mit anzuhören zu müssen. Zunächst wollte er aus dem Zimmer gehen, weniger aus Rücksichtnahme oder Diskretion, sondern weil er befürchtete, dass dabei für ihn unangenehme Dinge zur Sprache kommen könnten – „Der Lauscher an der Wand, hört seine eigne Schand‘.“ Möglicherweise würde er ein heimliches Verhältnis seines Freundes entdecken. Er kennt ja dessen Schwäche für heimliche Liebschaften und hat schon das ein oder andere Mal, als er seine Kontrolllust nicht im Zaum halten konnte, eine derartige Liaison entdeckt. Auch dieses Mal ist er auf etwas Ähnliches gefasst. Trotzdem verlässt er seinen Horchposten nicht. Was das Merkwürdige daran ist, er empfindet dabei eine Art von genussvoller Angst. Das ist zwar nicht ganz neu, er kennt das in Abwandlung aus anderen Situationen, beispielsweise von Streitigkeiten, in denen es um die Frage geht, wer die größten Opfer für die Haushaltsführung bringt. Jedes Mal genießt er dann seinen Triumph, weil der Streit immer zu seinen Gunsten ausgeht. Am Ende muss sein Freund ihm nämlich immer recht geben, weil klar zutage tritt, dass er mehr Opfer bringt als er. Leider sind, wie er mit Bedauern hinzufügt, solche Situationen aber nicht sexuell.

Die Episode ist, wie gesagt, nicht besonders spektakulär, lässt aber erkennen, in welchem Maße hier die Angst vor dem unbeherrschbaren Zufall beteiligt ist. Das verdeutlicht in besonderem Maße eine Erinnerung, die dieser Analysant am Anfang seiner Psychoanalyse erzählte:

Im Anschluss an einen Traumbericht kam er darauf zu sprechen, dass er als junger Mensch mit KZ-Überlebenden in Kontakt gekommen war. Die Begegnung hatte fürchterliche Auswirkungen auf ihn. Er bekam das schreckliche Gefühl, er dürfe als Person gar nicht mehr da sein, habe keinerlei Recht dazu. Besonders bedrückend wurde das, als er bei einem alten Paar zum Abendessen eingeladen war. Es gab ein Gericht, das er einfach nicht essen konnte. Während des Essens erzählte die Frau des Hauses, dass sie im KZ alle nur an Essen gedacht hätten. Er saß da und würgte und wusste nicht, was er mit dem Essen machen sollte. Herunterschlucken konnte er es nicht, liegen lassen auch nicht, aber seinen Gastgebern sagen, dass er das nicht essen konnte, war ebenso wenig möglich. Ich weiß nicht mehr, wie das Problem gelöst wurde, aber Eines ist mir in Erinnerung geblieben: Dem jungen Mann wurde in dieser Situation klar, dass er, angesichts dessen, was diese Leute erlebt hatten, keine Befindlichkeit und keine Gefühle haben durfte. Gemessen an denen, die dem Tod ins Gesicht gesehen hatten, hatte er kein Existenzrecht.

Insofern dieses Erlebnis an eine speziell mit dem Vater zusammenhängende Beziehungsstruktur anschloss, war ich geneigt, das hier zutage liegende Unwertgefühl, das Gefühl von Nichtexistenz – zumal es immer wieder in Erscheinung trat – zu den psychischen Bedingungen dieses Analysanten zu zählen.

Bemerkenswert ist jedoch die oben genannte Lösung, die dieser Analysant im Umgang mit den verstörend-zerstörenden Begegnungen gefunden hatte. (Ich muss hinzufügen, dass seine Lösung mich zunächst befremdete, bis ich ihr meine Anerkennung schließlich nicht versagen konnte.) Er verfiel nämlich darauf, die Konfrontationen mit dem Schrecken gar nicht erst zu vermeiden. Wie das kleine Alltagsbeispiel mit dem Telefon vorführt, nimmt er Angst und Bedrohung und, sagen wir getrost, den Schrecken der Kastration, jetzt nämlich selbst in die Hand. Er nimmt das unliebsame, erschreckende Reale vorweg, antizipiert es. Damit ist er den Schrecken, wie er nach einem späteren Traum meinte, zwar nicht los, weiß aber, woran er ist und kann nicht mehr vom „Bösen“ überrascht werden.

Das ist auch ein Umgang mit der Kastration, und möglicherweise nicht der schlechteste. Vielleicht könnte man ihn, wie eine Analysantin meinte, die eine ähnliche Lösung gefunden hatte, sogar einen romantischen Umgang mit dem irreduzibel Realen nennen. Ich schließe diesen Teil mit der Versicherung, dass bei allem Einfallsreichtum der Part des Realen, des Toten gleichwohl nicht zu vermeiden ist. Wovon schon die Märchen erzählen.

Wie der Psychoanalytiker mit dem Realen, dem Tod konfrontiert

Es stellt sich nun die Frage, wie eine psychoanalytische Kur, von einem Psychoanalytiker zumal, der selbst davon getroffen ist, auf das Reale ausgerichtet werden kann. Ein kurzer theoretischer Ausblick auf das Lacansche Konzept der Übertragung, mit dem ich als Psychoanalytikerin arbeite, mag das zu guter Letzt andeuten.

In Lacans Verständnis der Übertragung ist nicht vorgesehen, dass der Psychoanalytiker einem Analysanten seine Gefühle mitteilt. Selbst noch so reflektierte und kontrollierte Gegenübertragungsgefühle sind davon nicht ausgenommen.14 Nicht dass die Realität von Gegenübertragungsgefühlen bestritten würde; denn selbstredend geht man auch in Lacanschen Kreisen davon aus, dass der Psychoanalytiker emotional reagiert. Man ist aber der Ansicht, dass die Mitteilung von Gefühlen des Pychoanalytikers dem Analysanten kaum zugute kommt, weil die Übertragungsbeziehung als ein Geschehen betrachtet wird, das grundlegend nur im Sprechen existiert. In diesem Sinne nehmen nicht nur Affekte wie Ärger, Freude oder Angst ausschließlich vermittelt durch ihre sprachliche Einbindung Gestalt an, sondern ist auch das Tote, Reale allein aufgrund seiner Einbindung in das Sprechen und die Sprache potentiell von Belang.

Weil nun aber das Reale nicht vollständig symbolisierbar ist, sondern – wie Freud schon bemerkte – weitgehend unzugänglich bleibt,15 muss es für den Psychoanalytiker selbst als ein unanalysierbares Element verstanden werden, das die Grenze seiner eigenen Analysierbarkeit und Selbstreflexion darstellt und laut Lacanscher Sicht erst durch seine Transformation zum Objekt des Begehrens einen Platz in der Kur beanspruchen kann. Todesgeprägt wie das Begehren ist, kann es der Kur dann die Richtung geben. Wie wichtig es ist, die Kur auf das Namenlose auszurichten, wird vor allem deutlich, wenn das Sprechen in seiner Zeichenfunktion verengt wird. Ich erinnere mich an den Fall einer anfallsweise paranoischen Analysantin, die ihre unbeherrschbare Angst vor dem Zufall dazu brachte, sich in belastenden Situationen immer wieder von Zeichen umgeben zu sehen, mit denen sie zur allseitigen Verzweiflung versuchte, das Auftreten von einem Ereignis A kausal auf die Intervention von Person B oder C zurückzuführen.

In solchen Situationen ist es mein vorderstes Bestreben, die Analysanten darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Sprechen eine von ihnen unabhängige, losgelöste Dimension darstellt. Niemand hat sie ganz in der Hand; sie führt neben dem Gemeinten vielmehr ein wahrhaftiges Eigenleben. Zum anderen versuche ich zu vermitteln, dass das Reden aus den besagten Gründen immer etwas Unabschließbares mit sich führt, so dass Ungenauigkeiten, Widersinn und Täuschung normale Begleiterscheinungen des Sprechens sind.

Gelassenheit und Mut auf der Seite des Analytikers vorausgesetzt, Mut und Vertrauen auf der anderen, kommt es vielleicht dazu, dass der Analysant dem Toten, Realen am Symbolischen die Anerkennung nicht weiter verweigert. Wenn das gelingt, werden wahre Wunder wahr. Der Sprache wäre ein Stück ihrer alten Zauberkraft wiedergegeben, die seit jeher seelische Veränderung hervorgerufen hat und dem Patienten nicht zuletzt einen Spielraum für sein Begehren.

So hatte ich anfangs gedacht und denke annähernd noch immer, streng nach der Devise, dass im Schweigen der Rede des Analytikers das Unnennbare, Zufällige des Toten berührt wird. Indessen habe ich im Laufe der Zeit die Erfahrung gemacht, dass die Erinnerung an das Unnennbare auch zu viel sein kann. Mein Eifer in Sachen Schweigen ist mit den Jahren deshalb abgekühlt. Der Not der Analysanten vielleicht auch mehr zugeneigt, gehe ich in der Kur deshalb heute weniger dogmatisch vor und stelle dem Realen ausdrücklicher als zuvor die Sprachgrenze entgegen. Gleichwohl meine ich verstanden zu haben, dass die sprachliche Grenzziehung nicht notwendigerweise ernst und gewichtig ausfallen muss. Im Gegenteil, je mehr sinnfreie Elemente sie aufweist, desto eher wird sie gelingen. (Ein „Hm, hm“, „Aha“, „Ach so“, ein Seufzer oder ein Lacher verleihen ihr ausreichende symbolische Anerkennung.) Unterstützt wird mein persönlicher Kurswechsel von einer Wendung in der deutschen Lacanrezeption, die seit Kurzem verstärkt dabei ist, die Grenzen der Signifikantentherapie auszumessen. Unabgeschlossenheit also noch einmal auf dem Forschungsfeld der Sprache, aber auch der Appell, mit den Sinnanstrengungen nachzulassen und auf diese Weise, sinnfrei, dem sinnlosen Ende zu trotzen.

Der Aufsatz ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags, der erstmals erschienen ist in: Hierdies, Helmwart (Hg.) [2014]: Wie hältst du´s mit dem Tod? Erfahrungen und Reflexionen in der Psychoanalyse, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.

Fußnoten

  1. Lacan, 1986a, S. 19ff.
  2. Lacan, 1980, Kap. 18
  3. s. N. Haas, 1982, S. 38ff.
  4. Seifert, 2013
  5. Seifert, 2008
  6. Freud, 1912-13
  7. Freud, 1924
  8. Freud, 1950
  9. Freud, 1916-17, S. 540
  10. Seifert, 2008, S.183 ff.
  11. Lacan, 1986b, S. 7ff.
  12. Lacan, 1986a, S. 101ff.
  13. Freud, 1920
  14. Seifert, 2010
  15. Freud, 1940, S. 52

Literatur

Freud, Sigmund [1912-13]: Totem und Tabu. In: Gesammelte Werke, Bd. IX. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1954,

— [1915]: Triebe und Triebschicksale. In: Gesammelte Werke, Bd. X. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1946, S. 210-232.

— [1916-17]: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. In: Gesammelte Werke, Bd. XI. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1944.

— [1920]: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1940, S. 3-69.

— [1924]: Der Untergang des Ödipuskomplexes. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1940, S. 395-402.

— [1940]: Abriß der Psychoanalyse. In: Gesammelte Werke, Bd. XVII. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1941, S. 63-138.

— [1950]: Entwurf einer Psychologie. In: Gesammelte Werke, Nachtragsband. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 1987, S. 375-486.

Haas, Norbert [1982]: Fort/Da als Methode. In: Hombach, Dieter (Hg.): ZETA 02/mit Lacan, Rotation Verlag, Berlin, S. 29-46.

Lacan, Jacques [1980]: Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse. Das Seminar Buch II. Walter Verlag, Olten.

— [1986a]. Ethik der Psychoanalyse. Das Seminar Buch VII. Quadriga Verlag, Weinheim/Berlin.

— [1986b]. Encore. Das Seminar Buch XX. Quadriga Verlag, Weinheim/Berlin.

Seifert, Edith [2008]: Seele-Subjekt-Körper. Psychosozial Verlag, Gießen.

— [2010]: Was hat Josef Breuer falsch gemacht? Zu Gegenübertragung oder Begehren des Psychoanalytikers. In: H. Hierdeis (Hrsg.), Der Gegenübertragungstraum in der psychoanalytischen Theorie und Praxis. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

— [2013]: Lieben bis zur Dornenkrone. Das Liebesopfer in der Psychoanalyse. In: RISS, Zeitschrift für Psychoanalyse, Wien, Heft 79, S. 81-108.

Wucherer-Huldenfeld, Augustinus Karl [1990]: Zur Eigenständigkeit des Grundgedankens Freuds in der Rezeption der Philosophie Schopenhauers. In: Nagl, Ludwig et al. (Hgg.), Philosophie und Psychoanalyse: Symposion der Wiener Festwochen, Stroemfeld Verlag, Frankfurt a.M., S. 91-119.