Über das Todestriebkonzept

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Das Todestriebkonzept ist ein hartes Geschoss innerhalb der Psychoanalyse und Freud selbst sagt über den Todestrieb, dass er wesentlich stumm sei. Dennoch soll in dieser Vorlesung viel von ihm gesprochen werden. Über Freuds "Jenseits des Lustprinzips" von 1920 und Lacans Lesart des dort ausformulierten Begriffs des Todestriebs hinaus, werde ich es auch wagen, mich trotz dieses sperrigen Konzepts dem klinischen Bereich zu nähern und Fragen aufwerfen nach dem Genießen bzw. danach, was das für eine paradoxe Befriedigung ist, die das Subjekt aus seinem Symptom gewinnt und ob man diese jemals gänzlich wird aufgeben können (auch als Analytikersubjekt etwa). Die unmittelbar daraus resultierende Frage ist, was Analyse dann - angesichts des Todestriebs - überhaupt bewirken kann. Weiter werde ich darauf zu sprechen kommen, inwiefern Vergesellschaftung und Institutionalisierung, sprich: die Unterwerfung mehrerer Subjekte unter einen Signifikanten (Identifizierung) mit dem Todestrieb zusammenhängen und - last but not least - auch darauf, wieso gerade bei den kulturschaffensten Menschen (KünstlerInnen, SchriftstellerInnen beispielsweise) oft ein hohes Maß an Leiden mitschwingt. Denn schließlich ist das Werk des Todestriebs nicht der Kurzschluss mit dem Tod, der Selbstmord etwa, sondern Produktivität schlechthin.

1. Der Todestrieb im Dienst des Lebens

Das Konzept des Todestriebs ist kein sehr beliebtes und ein hartes Geschoss innerhalb der Psychoanalyse. Freud sagt in großartigen Textpassagen, der Todestrieb sei wesentlich stumm. Und trotzdem muss von ihm gesprochen werden, weil er für die Triebkonzeption der Psychoanalyse und auch für die psychoanalytische Praxis eine grundlegende Bedeutung hat.

Die Schwierigkeit liegt darin, wie von ihm/ über ihn gesprochen werden kann, weil es sich um einen von Freud in einer sehr eigentümlichen Weise eingeführten und konstruierten Begriff handelt, um – wie er auch selbst sagt – Spekulationen in Form eines „wissenschaftlichen Mythos“. Die Frage nach dem Wissen in der Psychoanalyse im Kontrast zum universitären Wissen spielt hier eine Rolle.

Der Todestrieb – das sei auch noch vorweg gesagt – ist nicht identisch mit dem Tod und er ist sogar am weitesten vom Tod entfernt, weil es bei ihm gerade um triebhafte und, wie Freud sagt, sogar „dämonische“ Aktivität, um einen Zwang zur Wiederholung geht und um Kultur stiftende Gewalt par excellence.

In dem Maß wie die Triebe Versuche darstellen, das Lustprinzip auf der Suche nach dem Genießen zu durchbrechen, sind sie alle Todestriebe. Der Lacansche Terminus „Genießen“, französisch jouissance, hängt unmittelbar mit dem Todestrieb zusammen und ist also für diese Ausführungen heute zentral. Die heutige Vorlesung handelt also nicht nur vom Konzept des Todestriebs, sondern in einem weiteren Sinne auch von dem des Genießens, das geradezu das Gegenteil zur Lust bildet und daher jenseits des Lustprinzips ist.

Aber kommen wir zunächst zurück zu Freud. Freud hat die Todestriebtheorie 1920 in seinem Text „Jenseits des Lustprinzips“ entwickelt. Auch vorher macht er bereits Andeutungen zu dieser Problematik, aber der Begriff wird erst in diesem Werk ausformuliert.

Bis zu diesem Punkt hatte er – so recht ausführlich in dem Aufsatz „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“ von 1911 – als Grundlage der Trieblehre das Paar von Lust- und Realitätsprinzip verwendet. Der von Freud konstruierte psychische Apparat funktioniert in dieser Konzeption so, dass Spannungen mit Unlust verbunden sind und er diese Spannungen auf ein möglichst niedriges Niveau zu bringen bestrebt ist. Das angestrebte niedrigste Niveau kann nicht Null sein, denn dies würde den Tod bedeuten. Die Psyche arbeitet also nach dem Prinzip der Homöostase. Das Realitätsprinzip steht im Dienst der Selbsterhaltung und verhindert eine Befriedigung auf dem kürzesten Wege, wie sie das Lustprinzip verlangt. Es schiebt die Befriedigung auf, um über einen Umweg eine spätere Befriedigung in der Realität zu erlangen. Die Außenwelt legt Bedingungen auf, die bewirken, dass die Suche nach Befriedigung aufgeschoben wird. Das Realitätsprinzip bildet in der Freud’schen Triebtheorie insgesamt keinen wirklichen Gegensatz zum Lustprinzip, da im Gegenteil in ihm notwendig immer auch das Lustprinzip enthal­ten ist.

In der Traumtheorie entspricht dem Lustprinzip der Satz, jeder Traum sei eine Wunscherfüllung, oder genauer: die Darstellung einer Wunscherfüllung. Auch unlustvolle Träume, die Freud natürlich kennt und analysiert, widersprechen diesem Satz zunächst nicht, weil Freud der bewussten Unlust eine verdrängte unbewusste Lust an einer anderen Stelle des zusammengesetzten psychischen Apparats zuordnet.

In „Jenseits des Lustprinzips“ geht Freud von verschiedenen Fällen eines sogenannten „Wiederholungszwangs“ aus. Er hatte diesen Begriff bereits 1914 in dem Text „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ eingeführt, in dem es um die Schwierigkeiten der psychoanalytischen Kur geht. Wichtig ist zunächst die „traumatische Neurose“ oder Schreckneurose, in der ein unlustvolles, unvorbereitetes, überraschendes Erlebnis zwanghaft in den Träumen des Betroffenen wiederkehrt. Das von Freud am ausführ­lichsten beschriebene Beispiel ist das von ihm beobachtete Spiel eines eineinhalbjährigen Jungen (Freuds Enkel), das „Fort-Da-Spiel“, auf das ich später noch zurückkommen werde.

Der dritte Abschnitt von „Jenseits der Lust“ beginnt mit einem großartigen zusammenfassenden Rückblick auf die Entwicklung der Psychoanalyse.

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich gebracht, dass die nächsten Ziele der psychoanalytischen Technik heute ganz andere sind als zu Anfang.1

Diesen Anfang beschreibt Freud so: „Die Psychoanalyse war zunächst eine Deutungskunst.“2 Man könnte dies so umschreiben: sie ging von einem manifesten Inhalt aus und zielte auf das Erschließen des verborgenen latenten Inhalts ab. Sie versuchte, die Rätsel der Bildungen des Unbewussten zu lösen. Auch die beste Kunst des Rätsellösens verbleibt aber auf der Ebene des Ausgesagten, wogegen das Rätsel auch und vielleicht vor allem auf der Ebene des Aussagens, also der Subjektposition, aufgefasst werden kann. Diese stellt dann auch das Problem des Verfahrens dar: die Bestätigung der Konstruktion durch die Erinnerung des Analysanten. Es schält sich für Freud heraus, dass diese Bestätigung durch den Analysanten oft nicht erfolgt, ja, gerade das Wesentliche kann vielleicht nicht erinnert werden und das Verdrängte wird stattdessen in der Übertragungsbeziehung zum Analytiker als gegenwärtiges Erlebnis wiederholt.3 Das ist der „Wiederholungszwang“, von dem Freud schreibt, dass er „auch solche Erlebnisse der Vergangenheit wiederbringt, die keine Lustmöglichkeit enthalten, die auch damals nicht Befriedigungen, selbst nicht von seither verdrängten Triebregungen, gewesen sein können.“4 Er nennt diesen Zwang „ursprünglicher, elementarer, triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene Lustprinzip.“5

Später verschärft Freud das Problem, indem er die „negative therapeutische Reaktion“ anführt. Damit ist das Verhalten von Analysanten gemeint, bei denen jeder teilweise Fortschritt, jede Auflösung von Symptombildungen zu einer Verschlimmerung führt. Er führt diese negative Reaktion auf ein „unbewußtes Schuldgefühl“ oder „Strafbedürfnis“ zurück und sieht darin letztlich ein Wirken des Todestriebs, der vom Über-Ich gegen das Ich gewendet wird.6

Jetzt komme ich zum eigentlichen theoretischen Teil des Freud-Textes, in dem er seine „Spekulation“ ausführt. In seinem Ansatz beeinflusst von der Theorie Fechners7 führt Freud zunächst ein Konstanzprinzip ein. Darunter ist das Bestre­ben des „psychophysischen Apparats“ vorzustellen, die in ihm vorhandene Erregungs­quantität konstant möglichst niedrig zu halten. Von diesem Konstanzprinzip leitet Freud dann das Lustprinzip ab, wobei er sich bereits wieder von Fechner entfernt. Denn, obwohl eine starke Tendenz hin zum Lustprinzip gibt, existieren in der Psyche auch gewisse Kräfte, die sich dieser Tendenz widersetzen, so dass das Ergebnis nicht immer der Lust­tendenz entsprechen kann.

Die „gewissen Kräfte“ deuten bereits den Todestrieb an. Dieser ist dann definiert als „ein dem belebten Organischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, welchen dies Belebte unter dem Einflusse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte.“8 Die Triebe sind demzufolge konservativ. Sie streben die Rückkehr in einen früheren Zustand an. Der sich über das Lustprinzip hinwegsetzende Wiederho­lungszwang leitet sich direkt aus dieser grundlegenden Eigenschaft der Triebe ab.

Freud lässt nun diesen konservativen Charakter die Grenze des Lebens überschreiten. Ziel allen Lebens ist damit nicht ein bisher nie erreichter Zustand, sondern die Rückkehr in den zeitlich früheren Zustand des Anorganischen: „[…] so können wir nur sagen: Das Ziel allen Lebens ist der Tod.“9 In diesem unvorstellbaren Grund des Anorganischen bedarf es der Setzung einer ersten Differenz, um das Leben in Gang zu bringen – von die­sem unvorstellbaren (nicht widerspruchsfrei repräsentierbaren) Vorgang kann Freud nur erzählen (etwa in Art eines „wissenschaftlichen Mythus“, als den er seine Erzählung vom Urvatermord bezeichnet).10

Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt. […] Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten Stoff trachtete danach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren.11

Die bereits als triebhafte Spannung gefasste, das Leben ausmachende Differenz bezieht sich auf sich selbst, um sich in einem unmöglichen Unternehmen durchzustreichen und produziert so neue Differenzen bis der so generierte selbstreferentielle Prozess in einem gleicherweise eigentlich unvorstellbaren Ereignis wieder zusammenbricht. In dem Auf­satz „Das ökonomische Problem des Masochismus“ tritt zu dem unmöglichen Urzu­stand des rein auf sich selbst gerichteten Todestriebs, des mit dem „primären Masochis­mus“ zusammenfallenden „Ursadismus“,12 der aufschiebende, Differenzen setzende Lebenstrieb Eros hinzu, indem er einen Teil der Destruktionspotentiale vom Ich weg zum Außenobjekt hin ableitet.

Die Libido trifft in (vielzelligen) Lebewesen auf den dort herrschenden Todes- oder Destruktionstrieb, welcher dies Zellenwesen zersetzen und je­den einzelnen Elementarorganismus in den Zustand der anorganischen Stabilität (wenn diese auch nur relativ sein mag) überführen möchte. Sie hat die Aufgabe, diesen destruie­renden Trieb unschädlich zu machen, und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, der Muskulatur, nach außen ab­leitet, gegen die Objekte der Außenwelt richtet.13

Der Aufschub dieses ursprünglichen Triebs, der unmittelbare Todesaufschub als Werk des Eros, ist als Umwandlung in den „ursprünglichen Sadismus“14 der entscheidende Einschnitt. Dieser erste Umweg zum Tod,15 die Umwendung des „Ursadismus“ in den „ursprünglichen Sadismus“, ist die fundamentale von Freud herausgestellte Bewegung. Die beiden Grundtriebe erreichen ihre Ziele nur mit Hilfe des jeweils anderen. Der Selbsterhaltungstrieb, der erotischer Natur ist, braucht die Aggression, um seine Absichten durchzusetzen; Eros setzt sich gegen den Todestrieb mit Hilfe von Sadismusakten zur Wehr. Der ursprüngliche Sadismus stellt sich so als Abwehr und Umwendung des Sterblichkeitsvollzugs in Gewalt dar. Leistung des Lebenstriebs Eros ist in provisorischer Weise die Umwendung des Todessogs in Le­ben, in Kultur.

Die Beziehung zwischen Eros und – dem erst postfreudianisch so genannten – Thanatos ist das Bemerkenswerte an dieser Theorie: Der Todestrieb verläuft kontinuierlich und vollkommen zielgerichtet, während sich die Eros-Aufschübe permanent wiederholen müssen. Sie haben als einziges Ziel, den Tod, als Endpunkt des Todestriebs, hinauszuzö­gern, indem sie versuchen, immer kompliziertere Umwege zu diesem Endpunkt einzu­führen. Sie haben kein vom Todestrieb unabhängiges triebhaftes Streben; sie bewegen sich nicht in eine Richtung nach vorwärts, sondern „krebsen“ vor und zurück, vom To­destrieb selbst der Wiederholung unterworfen. Eros ist Zusammensetzung und Unterbre­chung des Triebstrebens. Die beiden Triebe finden sich nie in reiner Form, sondern immer verbunden und vermischt zu individuell veränderlichen Teilen. Wir würden den Todestrieb gar nicht wahrnehmen, wenn er nicht mit Eros verbunden wäre. Insofern Eros im Dienste des Todestriebs steht, ist also nicht nur der Todestrieb, sondern das Gesamtgebilde konservativ.

Ein Teil des im ursprünglichen Sadismus nach außen gedrängten Destruktionspotentials tritt wieder unmittelbar in den Dienst der (psychoanalytisch erweiterten) Sexualfunktion als wesentlicher Eros-Leistung. Dieser Eros-Einschub führt auf die Ebene des Lebensvoll­zugs (in all seinen Aspekten) in Form des „eigentlichen Sadismus“. Freud schreibt über den Destruktionstrieb:
Ein Anteil dieses Triebes wird direkt in den Dienst der Sexual­funktion gestellt, wo er Wichtiges zu leisten hat. Dies ist der eigentliche Sadismus.16

Die von der Psychoanalyse beschriebene Entwicklungsgeschichte der Libido wird erst auf der Grundlage des herausgedrängten Todestriebs möglich. Die Sexualtriebe bahnen sich ih­ren Weg schließlich zum Objekt hin. Eros legiert auf dieser Stufe mit ihm unterge­ordneten Anteilen des Todestriebs. Es gilt also, dass eine sehr ausgiebige, in ihren Ver­hältnissen variable Vermischung und Verquickung der beiden Triebarten zustande kommt, so daß wir eben überhaupt nicht mit reinen Todes- und Lebenstrieben, sondern nur mit verschiedenwertigen Vermengungen derselben rechnen sollten.17

Die gesamte psycho­analytische Theorie der erweiterten Sexualität lässt sich hier einfügen und die Folge der Rollen, in denen die universelle Mitwirkung der subsidiären Todestriebkomponenten sich manifestiert, reicht von der oralen Vernichtung von Objekten durch Einverleibung (Essen, Verzehr) über den Analsadismus bis zur Funktion innerhalb der genitalen Sexualität, dem Geschlechtsakt, bei dem das Sexualobjekt bis zu einem erforderlichen Grad bewältigt werden muss. Nun ist es naheliegend, umgekehrt den derart innig mit dem Todestrieb verbundenen Eros als Lustanreiz und –beglaubigung der Gewaltakte des ursprünglichen Sadismus anzusehen.18 Diese bis hierher erfolgte Le­bensleistung kann schließlich kollabieren. Freud spricht hier von „Sadismus als Perver­sion“,19 der in der psychiatrischen Literatur als Pathologiefall beschrieben wird. Es han­delt sich hierbei um den Zusammenbruch der instabilen Bändigung des Todestriebs im beschriebenen „eigentlichen Sadismus“, um offene Gewalt, die sich nicht länger ver­schließen kann oder will. Der „Sadismus als Perversion“ hat sich von Eros getrennt, um sich im Rücktritt einer (partiellen) Entmischung der beiden Triebarten wieder direkt in den Dienst des Todestriebs zu stellen.

Freuds Streben nach Verwissenschaftlichung, sein Versuch, sich in den naturwissen­schaftlichen Diskurs einzureihen, erscheint nie so vergeblich wie hier und es ist auch oft kritisiert worden, worauf ich jetzt nicht weiter eingehen will. Die Biologie versagt die Unterstützung bei der Begründung der Konstruktion des Seelischen, was Freud aber nicht von seiner „Hypothese“ abbringen kann. Statt ein Scheitern zu konstatieren, kann man an dieser Stelle einen Wechsel auf die Ebene des Repräsentationsvermögens vollziehen.

Der Schritt vom Ursadismus zum ursprünglichen Sadismus kann nicht nur auf eine Angelegenheit des speziellen Organsystems der Muskulatur20 eingeschränkt werden. Er ist auf der Ebene einer Ab­fuhr durch Organsysteme nicht beschreibbar, da er nicht weniger „bewirkt“ als dass „überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts“. Der ursprüngliche Sadismus ist zu iden­tifizieren mit dem Repräsentationsvermögen, das die ontologische Konstitution von Welt erst ermöglicht.21 Im Unterschied zur Metaphysik „fundiert“ die Todestriebtheorie die­ses also im Gewaltakt der Umwendung des Ursadismus. Alles, was wir tun, ist Ableistung dieses ursprünglichen Sadismus (der prinzipiell jederzeit zum Sadismus als Perversion zusammenbrechen kann). Die gesamte menschliche Existenz, die sich im Vollzug des Repräsentationsvermögens manifestiert, tritt genau hier hervor: Wahrnehmen, Den­ken, Fühlen, Handeln, usw.

Die Freud’schen Todes- und Lebenstriebe können nun nicht länger als biologische In­stinkte angesehen werden. Denn der Mensch besitzt keine rein biologischen Instinkte und Bedürfnisse. Er befindet sich stattdessen immer schon in der Ordnung der Repräsentation oder der Ordnung des Begehrens. Wenn dann versucht wird, die Konstitution des Repräsenta­tionsvermögens selbst als biologische Genese zu beschreiben, kommt es zu derart para­doxen Gebilden wie den Freudschen „Ursprungs-Erzählungen“. Die Todestriebtheorie wirft die Frage nach dem Status der Psychoanalyse im Verhältnis zur Wissen­schaft in besonders drastischer Weise auf. Es ist zu fragen, ob ein Anspruch auf Wissenschaftlichkeit nicht die in der Todestriebtheorie vorgenommene Aufdeckung tendenziell wieder verdeckend rückgängig macht, wie es partiell bei Freud und nach-freudianisch in der weitgehenden „Bereinigung“ der Psychoanalyse von diesem un-wissenschaftlichen Theorieelement zu konstatieren ist. Jedes Streben von Wissenschaft nach reiner Selbstgründung arbeitet jedenfalls einer Aufdeckung der eigenen Todestriebfundiertheit genau ent­gegen.

Mit dem Sadismusvokabular will Freud wohl darauf hinweisen, dass alles, was wir kulturell leisten, eine Angelegenheit von Gewalt ist, was wiederum auf die Hypothek unserer Sterblichkeit zurückfällt. In diesem Sinne ist jeder Wunsch nach Gewaltfreiheit illusorisch, insofern es aller Kulturarbeit zuwi­derläuft.

Widerstände gegen Veränderungen und Fortschritte, am Ende gegen eine Besserung durch die Analyse,22 belegen gerade die Macht des Todestriebs. Das einzige, was dem Todestrieb in einem gewissen Sinn entgegengesetzt wer­den kann, ist seine Anerkennung, die ihrerseits im System der Sadismen verbleibt. Den­noch ist das ganze Gebilde der Todestriebtheorie implizit auf unterschiedlichen Ebenen durch Gegensatzpaare gekennzeichnet: zum einen auf der Ebene eines Lust- und Reali­tätsprinzips, von An- und Abwesenheit, zum anderen auf der von Bewusstem und Unbe­wusstem und schließlich auf der von Gründung und Grundlosigkeit.

Bei aller Gewalt steht der Tod im Dienst des Lebens, insofern er der Grund ist für Eros als seins-eröffnendes Moment. Das Leben muss sich mit Bezug auf den Tod am Leben halten, sich – wie Derrida ausführt – mit aller Anstrengung selbst schützen, indem es die gefährliche Besetzung aufschiebt, das heißt,

indem es einen ‚Vorrat’ anlegt. Die bedrohliche Verausgabung oder Präsenz werden mit Hilfe der Bahnung und der Wiederholung hinausgeschoben. Ist das nicht schon der ‚Aufschub’, der das Verhältnis der Lust zur Realität instauriert? Ist das nicht schon der Tod im Dienst eines Lebens, das sich vor dem Tod nur durch die Ökonomie des Todes, den Aufschub, die Wiederholung und den Vorrat schützen kann?23

Die Kon­sequenz dieser Derridaschen Überlegung ist, dass es nie ein erstes Mal gegeben haben kann, womit auch der Begriff der Wiederholung ins Wanken gerät, denn es gibt nichts Ursprüngliches, – außer der Wiederholung selbst – das wieder(herge)holt werden könnte. Der präsente Ursprung entpuppt sich also als Mythos. Der Aufschub (différance) ist das einzig Ursprüngliche.

Die Wiederholung trifft nämlich nicht zum ersten Eindruck hinzu, ihre Möglich­keit ist bereits im Widerstand da, den die psychischen Neuronen beim ersten Mal auf­bieten. Der Widerstand selbst ist nur möglich, wenn der Widerstand der Kräfte fortdauert oder sich ursprünglich wiederholt. Die Vorstellung eines ersten Mals ist es, die an sich rätselhaft wird.24

Der Sinn der Wiederholung ist, durch die ganze Epoche der Metaphy­sik hindurch, der Aufschub der Präsenz, die seit Beginn der Neuzeit als Bewusstsein erscheint, als Selbstvergegenwärtigung. Auf das Rätsel des „ersten Mals“ werde ich gleich noch zurückkommen.

Die Todestriebtheorie skizziert also das Bestreben, sich selbst zum Ursprung zu werden. Gleichwohl zeigt die Todestriebtheorie, dass es kein von Gewalt freies Leben gibt.

Da Le­ben und Tod untrennbar miteinander verwoben sind, stehen sie nicht in einem Kampf zueinander – eine solche Annahme der Todestriebtheorie anzulasten, wäre m. E. ein funda­mentales Missverständnis. Der Anspruch auf ein vom Tod befreites, grenzenloses Leben vermag aber gerade, weil seine Erfüllung aussichtslos ist, ein Begehren hervorzubringen, das zu neuen kulturellen Erfindungen führen kann und letzten Endes gar keine andere Wahl hat als dies zu tun. Sie merken: die Todestriebtheorie geht aufs Ganze und berührt sehr grundlegende Fragen, die Freud bis zu seinem Tod nicht in Ruhe gelassen haben und auf die er keine befriedigenden Antworten mehr gefunden hat.

Ich möchte noch auf Freuds Analyse des bereits erwähnten Fort-Da-Spiels und auf den, bei Freud eher angedeuteten, Zusammenhang dieser Analyse mit der Todestriebtheorie eingehen. La­can, für den „Jenseits des Lustprinzips“ ein zentraler Text Freuds war, hat mehrmals auf dieses Fort-Da-Spiel zurückgegriffen. Ein Aspekt, der ihn dabei interessiert hat, ist sicherlich sein zentraler Satz, dass das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert ist. Man kann das Fort-Da-Spiel als eine eindrückliche Szene sehen, in der es um den Eintritt des Subjekts in die symbolische Ordnung geht. Bekanntlich setzt Lacan eine Dreiheit aus dem Realen, dem Symbolischen und dem Imaginären an. Er hat so am Anfang seiner Seminartätigkeit den Freudschen Wiederholungszwang als „Insistenz der signifikanten Kette“25 interpretiert, ihn also auf die Dimension des Symbolischen bezogen. Später hat er, ohne diese Interpretation einfach aufzugeben, sie um die anderen Dimensionen ergänzt und den Bezug zum Realen herausgestellt.

Der von Freud beschriebene Junge wiederholte permanent das Verschwinden und Wiederzurückholen seines Spiel­zeugs – eine Spule – und kommentierte dies jeweils mit den Lauten eines langen, melancholischen o-o-o-o (gedeutet als fort) und eines prägnanten, erfreuten da. Dasselbe Spiel wiederholte der kleine Junge später auch mit seinem eigenen Spiegelbild und kommentierte dies mit Bebi – o-o-o-o. Der Vorgang spielte sich immer wieder während der Abwesenheit der Mutter ab. Das Fortgehen der Mutter muss daher für den Kleinen mit Unlust verbunden gewesen sein, doch gerade dann – meint Freud – sei es doch verwunderlich, dass er diesen Akt im Spiel immer wiederhole. Zunächst deutet Freud dieses Verhalten als Ausdruck eines Ra­cheimpulses gegen die Mutter nach dem Motto: „Ja geh’ nur fort, ich brauch’ dich so­wieso nicht, ich schick’ dich sogar selber weg“.26 Im Spiel verschaffe sich das Kind die Abfuhr seiner enttäuschenden Eindrücke, um sich in seiner tatsächlichen Hilflosigkeit darüber hinwegzusetzen.

Von Lacan wird die Bedeutung der Sprache für das „Fort-Da“ Spiel thematisiert. In einer ersten groben Annäherung lässt sich sagen: in der elementaren Wiederholung der zwei Phoneme „o“ und „a“ eignet sich das Kind das Sprachsystem an, das laut Saussure aus solchen Differenzen besteht. Durch die Sprache – als Umweg der Symbolisierung – eröffnet es sich so die Möglichkeit, sich der Unmittel­barkeit der Verlustsituation, der es ausgeliefert ist, zu entziehen. Die Sprache schafft die Möglichkeit, sich von der Macht der Dinge, der realen Existenz der seienden Dinge, zu entfernen. In der Negation der realen Ebene (im Verschwindenlassen des Objekts) er­schließt sich die symbolische Ebene, auf der Anwesenheit und Abwesenheit nicht mehr bloß isoliert einander gegenüberstehen, sondern sich vielmehr aufeinander beziehen, in­dem sie bezeichnet werden, indem das anwesende Zeichen auf die abwesende Sache verweist.

Durch das Wort, das bereits eine Anwesenheit darstellt, die auf Abwesenheit gründet, erhält in einem besonderen Augenblick die Abwesenheit selbst einen Na­men.27

Der Gewaltcharakter dieser Umwendung wird von Lacan betont, verbunden mit der ursprünglichen Entfremdung von jedem biologischen, auf ein festes, es befriedigen­des Ziel gerichteten Bedürfnis hin zum prinzipiell unendlichen Begehren, wie es sich im Wiederholungszwang zeigt. „Das Symbol stellt sich so zunächst als Mord der Sache dar, und dieser Tod konstituiert im Subjekt die Verewigung seines Begehrens.“28

Im „Seminar über den entwendeten Brief“ schreibt Lacan über das Fort-Da-Spiel: „[D]ieses Spiel, sagen wir, manifestiert in seinen radikalen Zügen die Determinierung, die das Menschentier von der symbolischen Ordnung empfängt.“29 Die Ordnung des Symbolischen konstituiert erst, wenn man so will, den Menschen und nicht umgekehrt. Sie funktioniert zunächst ohne Bezug auf das Leben und ohne Rücksicht auf es. Daher besteht die Bezeichnung „Todestrieb“ für Lacan zu recht: die Determinierung durch das Symbolische kommt aus einem Jenseits des Lebens. Lacan hat hier seine Maschinenmodelle und Schreibspiele angeschlossen – die Welt des Symbolischen als Welt der Maschine30 – und ist bis zu der Formulierung gegangen:

Das Programm, das sich für uns abzeichnet, besteht folglich darin, zu erkennen, wie eine formale Sprache das Subjekt bestimmt.31

Deshalb steht die Wiederholung auch in einem direkten Gegensatz zu Gedächtnis und Erinnerung im gewöhnlichen Sinne.

Diese Auffassung wird von Lacan später noch wesentlich erweitert. Sie adressiert nämlich so noch nicht, worauf der Wiederholungszwang eigentlich abzielt, also seinen Triebcharakter, um den es hier ja gehen soll. Von Lacans Seminar XI ausgehend schreibt Norbert Haas: „In dem Fort-Da-Spiel des Kindes geht es um das Wiederholen einer absoluten Abwesenheit.“32 Auch wenn Abwesenheit stets als Anwesenheit vorgestellt wird, als ein „Fort im Da“, muss hier im Kern dieses Wiederholungsvorgangs ein „absolutes Fort“, ein uneinholbares Loch im Symbolischen, wo es mit dem Realen verknüpft ist, angesetzt werden.

Diesem Signifikanten, einem Zufälligen […], urverdrängt, gilt, im Spiel, in der Erzählung, im Notorischen von Handlungen, ein Vorgang in der Zeit, den wir im Wiederholungszwang erkennen: ein serieller Ablauf, dessen Bedeutung unbestimmt bleibt. Daß es dem Subjekt nicht gelingt, in diesem den Signifikanten einzuholen, dass es vielmehr das Subjekt selbst ist, was als Produkt dieser Serie begriffen werden muß, macht an der Wiederholung eine spezifische Bewegung begreifbar, die einem Etwas gilt, das, da es den psychischen Vorgängen nicht integrierbar, weder Lust noch Unlust sein kann, oder aber, vielleicht, das eine sowohl, als das andere: der Schnitt beider.33

2. Todestrieb und Kollektiv

Ich möchte jetzt auf eine andere Ebene wechseln oder eher zum Ausgangspunkt Freuds zurückkehren und mich wieder der Praxis – oder Klinik – nähern:

Es ist eine sehr individuelle Frage, was den Einzelnen antreibt, lebendig macht. Es gibt auf der einen Seite den alltäglichen Trott, das artige Tagewerk [A. B.], Projekte, „das Glück der Ruhe“; auf der andern Seite gibt es auch ungute Beziehungen, Süchte, perverse Handlungen, usw., an denen manch einer klebt – Probleme, ein Unwohlsein, Fragen, die einige bewegen, einen Analytiker aufzusuchen.

Man kann sicherlich sagen, dass bei all diesen Verstrickungen der Todestrieb am Werk ist. Er ist immer dann mit von der Partie, wenn die Frage kursiert: warum mache ich das denn jetzt schon wieder…?

Das unbewusste Wissen, das Wissen als Signifikantenverknüpfung, um das es in der Analyse geht, ist Mittel des Genießens. Lacan spricht davon, dass die Wiederholung auf der Wiederkehr des Genießens begründet ist, dieses Genießen aber, zeigt sich nur als Schwund, als Verlust in dieser Wiederholung.34 Der Todestrieb ist der Name für den steten Wunsch danach, das Lustprinzip hin zum Ding und zu einem gewissen Überfluss an Genießen, an jouissance, zu durchbrechen. Das Genießen, rein als solches genommen, wäre also der Weg zum Tod. Und es ist jenseits des Lustprinzips. Das Lustprinzip fungiert als ein Gesetz, das dem Subjekt befiehlt, so wenig wie möglich zu genießen. Das Hinwegsetzen über das Lustprinzip bedeutet Schmerz, weil jedes Subjekt nur ein gewisses Maß an Lust ertragen kann. Jenseits der Grenze wird die Lust zum Schmerz und diese schmerzhafte Lust nennt Lacan „Genießen“. Dieser Terminus benennt auch ganz klar die paradoxe Befriedigung, die das Subjekt aus seinem Symptom gewinnt oder andersrum formuliert: das Leiden, das es aus seiner Befriedigung gewinnt.

Aber was soll die Analyse da bewirken? Linderung schaffen? Versprechungen machen? Trösten? – Das ist alles Therapie (Therapeutikos = Seelenbeistand), aber nicht Analyse. Freud schreibt:

Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuldgefühls wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. […] Er hängt in erster Linie von der Intensität des Schuldgefühls ab […]. Vielleicht auch davon, ob die Person des Analytikers es zulässt, dass sie vom Kranken an die Stelle seines Ichideals gesetzt werde, womit die Versuchung verbunden ist, gegen den Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters, Heilands zu spielen. Da die Regeln der Analyse einer solchen Verwendung der ärztlichen Persönlichkeit entschieden widerstreben, ist ehrlich zuzugeben, dass hier eine neue Schranke für die Wirkung der Analyse gegeben ist, die ja die krankhaften Reaktionen nicht unmöglich machen, sondern dem Ich des Kranken die Freiheit schaffen soll, sich so oder anders zu entscheiden.35

In der Analyse geht es nicht in erster Linie um Befreiung von den Symptomen und nicht um Heilsversprechungen. Es kann sein, dass es einem nach Jahren analytischer Arbeit besser geht, es kann auch sein, dass man jahrelang kommt und nichts passiert.

Nichts wird so sehr verteidigt wie das Symptom, weil es einem wenigstens eine Befriedigung garantiert. Man kann am Anfang das Gefühl haben, wenn man in Analyse kommt, irgendwie ausgeschlossen zu sein, ausgeschlossen von der Gesellschaft der anderen, auf irgendeine Weise. Das muss gar nicht heißen, dass man unbeliebt ist, ganz im Gegenteil. Das Gefühl anders zu sein als die anderen, das sich da oft breit macht, das kann Angst auslösen. Dennoch ist die Vergesellschaftung, die etwas von dieser Angst nimmt, der Tod der Besonderheit des Subjekts.

Ich biete gerade in Berlin eine Lektüregrüppe zu Laurence Batailles Buch „Der Nabel des Traums“ an. Dort, im 4. Kapitel dieses wunderbaren Bändchens – das ich Ihnen sehr zur Lektüre empfehle – in diesem Kapitel mit dem Titel „Perinde ac cadaver“, setzt Laurence Bataille diese Unterwerfung mit dem Todestrieb in Beziehung. Es ist sehr interessant, dass sie den Todestrieb so pointiert mit der Identifizierung zusammen denkt. Lacan hatte schon betont, dass das Genießen mit dem einzigen Zug, der Markierung als Ursprung des Signifikanten zusammenhängt36, auf der ja die Identifizierung beruht.

Batailles Text beginnt wie gesagt mit einer Beschreibung des Klebens von Individuen an Kollektiven – einem Anhängen, das trotz allem Unbefriedigtseins, das damit verbunden ist, sehr stabil sein kann. Nach einer sehr ausführlichen Diskussion des Warentauschs bei Marx kommt sie auf den Begriff der Identifizierung und greift Freuds Theorie aus „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ auf: Die Individuen einer Masse gleichen sich aufgrund der Tatsache, dass sie ihr Ichideal sämtlich durch dasselbe Objekt ersetzt haben.37 Bataille bezieht sich auf den „einzigen Zug“:

Dieser Zug ist aber gerade der Grund dafür, dass das Subjekt sich als zur Anzahl der menschlichen Lebewesen gehörig und in die Kollektivität eingeschlossen betrachten kann. Eben deshalb macht es sich an dieser fest. Und um sich festzumachen, muß es die phantomhafte Seite der Angelegenheit verlassen und ihr Körper geben. Den Körper des Christus zum Beispiel, des Lammes Gottes. Ironischerweise ist der Effekt dieses Signifikanten im Realen, ist sein Signifikat die Schafsnatur.38

Das Wort von der „Schafsnatur des Christen“ (mit den zugehörigen Pastoren) greift Bataille von Marx auf, um es zu verallgemeinern: „Sie [also die „Schafsnatur“] produziert sich, wo immer mehrere Individuen sich mit einem Signifikanten identifizieren.“39

Bataille erwähnt an dieser Stelle die „freiwillige Knechtschaft“ aus der Streitschrift des Montaigne-Freunds Etienne de La Boétie (1530-1563). Sie setzt diese dann direkt in eine Parallele zum „primären Masochismus“ Freuds. Es geht hier um die Frage: warum gehorchen die Leute einem Tyrannen und stürzen ihn nicht einfach, wo es sich doch nur um einen einzelnen Menschen handelt? Warum macht man das weiter, was man immer schon gemacht hat? Es muss da etwas im Unbewussten sein, sonst würde das nicht klappen; der Wunsch, sich mit etwas zu identifizieren, etwas zu finden, was einem Halt gibt.

Das Sich-zur-Kollektivität-Zählen ist die Unterwerfung unter den Signifikanten. Es gibt da eine phantomhafte Seite, die ist vielleicht im Imaginären und dann gibt es als Effekt im Realen diese Unterordnung („Schafsnatur“), die Unterordnung in der Institution.
Bataille schließt das Kapitel so:

Den Psychoanalytikern geht der Begriff Individuum gegen den Strich, denn das Subjekt ist ja geteilt. Einerseits strebt es danach, das eigene Begehren zu befriedigen und so sein Danebensein wettzumachen; andererseits sieht es sich gedrängt, sich unter einem Signifikanten zu mortifizieren, um nicht vom Feld der anderen ausgeschlossen zu sein. Es ist aber auch ein Individuum in dem Sinn, dass es sich von dem Teil in sich nicht freizumachen vermag, der sich als Leibeigener des Signifikanten versteht. Es kann seinem Todestrieb, der es in der Gesellschaft der menschlichen Lebewesen hält, nicht entgehen. Allein der Tod könnte es von ihr ausschließen, weshalb es Grabmäler errichtet.40

Man muss in die symbolische Ordnung hineinkommen, um zu existieren. Das Lustprinzip – also das Verbot des Genießens – ist der symbolischen Struktur der Sprache inhärent. Deshalb spricht der Genießende nicht und umgekehrt ist dem Sprechenden das Genießen untersagt. Der Eintritt des Subjekts in die symbolische Ordnung bedingt zunächst einen Verzicht auf das Genießen, bedeutet Kastration, Verbot des Genießens. Das führt aber in the long run dazu, dass das Subjekt zum Begehren überwechseln kann.

Der Todestrieb ist das sich unter einen Signifikanten mortifizieren (gestraft sein). Es gibt einen Teil im Subjekt, der immer aufs Kollektiv geht oder zum Kollektiv hin drängt, was daran liegt, dass der Signifikant immer aufs Kollektiv geht. Daraus ziehen die Institutionen ihre Beständigkeit. Und die Psychoanalyse versucht, da etwas dagegen zu setzen, was nicht so einfach ist, aber umso notwendiger. Lacan greift am Schluss des Seminars XI die Theorie Freuds auf, der die imaginäre Klebewirkung der Institution mit der Hypnose assoziiert, und zwar wie gesagt als Gleichsetzung des Ichideals und des Objekts. Lacan positioniert die Analyse gerade genau entgegengesetzt. Hier geht es darum, die Positionen des Ichideals oder „des idealen Signifikanten, in dem das Subjekt sich auszeichnet“41 und des Objekts a, des unmöglich einzuholenden Objekts als Grund des Begehrens, gerade auseinanderzuhalten, oder sogar, sie in „größtmögliche Distanz“42 zu bringen.

Wie kann ein Analytiker überhaupt diese Forderung erfüllen? Muss der Analytiker sein eigenes Genießen losgeworden sein? Angesichts all dieser Fragen möchte ich mit Ihnen über die Konsequenzen für die analytische Praxis gerne weiter diskutieren.

Fußnoten

  1. Freud, S. [1920]: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 16.
  2. Ebd.
  3. Ebd.
  4. Ebd. 18.
  5. Ebd. 22.
  6. Freud, S. [1923]: Das Es, das Ich und das Über-Ich. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 277f.
  7. Die Fechnersche Theorie von 1873 läuft darauf hinaus, dass Lust oder Unlust mit Stabilitäts- und Insta­bilitätsverhältnissen in psychophysischer Beziehung gedacht werden. Auf Stabilität gerichtete psychophy­sische Bewegung bedeutet demnach Lustgewinn, während von Stabilität abweichende Unlust zur Folge hat (Vgl. Freud, S. [1920]: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M, 4).
  8. Ebd. 38.
  9. Ebd. 40.
  10. Freud, S. [1921]: Massenpsychologie und Ich-Analyse. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 151.
  11. Freud, S. [1920]: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M, 40.
  12. Ebd. 59 und Freud, S. [1924]: Das ökonomische Problem des Masochismus. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 377.
  13. Ebd. 376.
  14. Freud S. [1920]: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 58.
  15. Ebd. 41.
  16.  Freud S. [1924]: Das ökonomische Problem des Masochismus. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 376.
  17. Ebd.
  18. Vgl. Heinz, R. [1990]: Pathognostische Studien III. Genealogica, Essen, 109.
  19. Freud, S. [1923]: Das Es, das Ich und das Über-Ich. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 270.
  20. Freud, S. [1924]: Das ökonomische Problem des Masochismus. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 376.
  21. „Demnach wäre […] der ursprüngliche Sadismus das Repräsentationsvermögen“ (Heinz, R. [1990]: Pathognostische Studien III. Genealogica, Essen, 109).
  22. Freud, S. [1937]: Die endliche und die unendliche Analogie. In: Gesammelte Werke, Bd. XVI, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 85.
  23. Derrida, J. [1966]: Freud und der Schauplatz der Schrift. In : Ders.: Die Schrift und die Differenz, 7. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt a.M, 310.
  24. Ebd.
  25. Lacan, J. [1957]: Das Seminar über den entwendeten Brief. In: Schriften I, hrsg. Von Norbert Haas, Walter-Verlag, Olten/Freiburg, 1973, 9
  26. Freud, S. [1920]: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 14.
  27. Lacan, J. [1953]: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. In: Schriften I, hrsg. von Norbert Haas, Walter-Verlag, Olten/ Freiburg, 1973, 116.
  28. Ebd. 166.
  29. Lacan, J. [1957]: Das Seminar über den entwendeten Brief. In: Schriften I, hrsg. Von Norbert Haas, Walter-Verlag, Olten/Freiburg, 1973, 46.
  30. Ebd. 64.
  31. Ebd. 42.
  32. Haas, N. [1982]: Fort/Da als Methode. In: Dieter Hombach (Hg.): ZETA 02 /mit Lacan, Berlin, 44
  33. Ebd. 45.
  34. Vgl. Lacan, J. [1969/70]: L’envers de la psychanalyse. Seuil, Paris, 1991
  35. Freud, S. [1923]: Das Es, das Ich und das Über-Ich. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 279.
  36. Vgl. Lacan, J. [1969/70]: L’envers de la psychanalyse. Seuil, Paris, 1991, 54
  37. Bataille, L. [1987]: Der Nabel des Traums. Quadriga, Weinheim/Berlin, 24
  38. Ebd. 25.
  39. Ebd.
  40. Ebd. 25-26.
  41. Lacan, J. [1964]: Das Seminar, Buch XI: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. 3., korrigierte Auflage, Quadriga, Weinheim/ Berlin, 1991, 278.
  42. Ebd.

Literatur

Bataille, Laurence [1987]: Der Nabel des Traums. Quadriga Verlag, Weinheim/Berlin
Derrida, Jacques [1966]: Freud und der Schauplatz der Schrift. In: Ders.: Die Schrift und die Differenz, 7. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt a.M.
Freud, Sigmund [1920]: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
— [1921]: Massenpsychologie und Ich-Analyse. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
— [1923]: Das Es, das Ich und das Über-Ich. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
— [1924]: Das ökonomische Problem des Masochismus. In: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
— [1937]: Die endliche und die unendliche Analogie. In: Gesammelte Werke, Bd. XVI, Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
Haas, Norbert [1982]: Fort/Da als Methode. In: Hombach, Dieter (Hg.): ZETA 02/mit Lacan, Rotation Verlag, Berlin
Heinz, Rudolf [1990]: Pathognostische Studien III. Genealogica, Essen
Lacan, Jacques [1953]: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. In: Haas, Norbert (Hg.): Schriften I, Walter-Verlag, Olten/ Freiburg, 1973
— [1957]: Das Seminar über den entwendeten Brief. In: Haas, Norbert (Hg.): Schriften I, Walter-Verlag, Olten/Freiburg, 1973
— [1954/55]: Das Seminar, Buch II: Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse. 3. korrigierte Auflage, Quadriga, Weinheim/Berlin, 1991
— [1964]: Das Seminar, Buch XI: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. 3. korrigierte Auflage, Quadriga, Weinheim/ Berlin, 1991
— [1969/70]: L’envers de la psychanalyse. Seuil, Paris, 1991