Schreiben, um erneut das Wort zu ergreifen…

von

Übersetzung aus dem Französischen von Dominique Janin-Pilz und Dieter Pilz

„Schreiben, um erneut das Wort zu ergreifen…“1

Ausgehen werde ich von meinen eigenen Nachforschungen:
Die Perversion in der Schreibweise Heinrich von Kleists.

Zunächst möchte ich versuchen, das Wort „Perversion“ herauszulösen aus einem Insgesamt von pseudo-ethischen Betrachtungen, von forensischen Sanktionen oder aus normativen Konzepten, die der Tatsache geschuldet ist, dass es eine Verwechslung der Begriffe „Perversion“ und „Perversität“ immer noch gibt.2

Die Definition der Perversion, auf die ich mich beziehe, geht von Freud aus und in dessen Nachfolge auf Lacan; sie ist ebenso beeinflusst durch die Überlegungen der Psychoanalytiker der „Fondation du Champ freudien“, wo die Züge der Perversion beschrieben werden als

die Voraussetzungen, auf die Männer wie Frauen zurückgreifen, um ihr sexuelles Leben zu verwirklichen – im weitesten Sinne des Wortes.3

Die Perversion besitzt eine enge Affinität zu den philosophischen Arbeiten von Alain de Juranville (über Lacan) und denen von Gilles Deleuze, die sich mit den Beziehungen eines Schriftstellers zu seiner Sprache auseinandersetzen.

In diesem Rahmen, definiere ich die Perversion als einen Modus der psychischen Organisation – eine Struktur, die einem bestimmten Seinsmodus des Individuums entspricht – eine existenziale Struktur.

Bei den Subjekten, die nach dem perversen Modus strukturiert sind, gibt es eine Dynamik, die diese Subjekte hin zu einer Transgression der Regeln und der festgesetzten Normen drängt. Es handelt sich dabei um eine Strategie, die das schreibende Individuum anstelle des Gesetzes entwickelt.4

Das Gesetz in der Psychoanalyse: es ist das Instrument der ersten Artikulation, wie wir es zunächst im Sprechakt finden. Denn Sprechen ist das Artikulieren von Wörtern mit- und untereinander, von Wörtern mit den Dingen und von Dingen mit den Daseienden. Und wenn dem so ist, dass es das ist, was sich artikuliert, so ist es das Gesetz des Sprechens, das sich unter-sagt (s’inter-dit), dass sich zwischen den Wörtern sagt, zwischen den Wörtern und den Dingen (die Artikulation des Imaginären und des Realen), zwischen den Subjekten (in der Unterschiedenheit, die diese in ihrer Identität gründet).

Kleist analysiert diesen Prozess in der „Familie Schroffenstein“.5

Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche auch wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen.6

Ich habe festgestellt, dass Kleist unfähig ist, in der deutschen Sprache flüssig zu sprechen: er stottert – ganz anders als im Französischen – hier stottert er nicht.

Zurück zur Klinik: ein Stottern, das Kleist auszeichnet – das schlecht Verstandene bringt die Sprache, die er niederschreibt in ein fortwährendes Ungleichgewicht. Dieses Ungleichgewicht lässt die Sprache delirieren, aus der Bahn geraten. Seine Schreibweise treibt die Sprache an seine Grenze und lässt so das Leben herein.

Dazu Lacan:

Stolperstein, Ausfall, Riss. In einem artikulierten oder geschriebenen Satz stolpern wir immer wieder über etwas (…). Und dieses Etwas, das vom anderen kommt, verlangt fortwährend sich zu realisieren – es taucht sicher als etwas Intentionales auf, ist jedoch von einer befremdlichen Zeitlichkeit.7

Kleists Schrift enthüllt die Ambivalenz der Worte und damit deren Macht. Der mögliche Lapsus – Rhythmus und Syntax als Charakteristika der Schrift – ist wie seine Umsetzungen ein Ausdruck des inneren Konflikts des Autors. (Hüten wir uns vor dem von Psychoanalytikern immer wieder gemachten Exzess, dies wie das Gesamtwerk wie ein Symptom des Autors zu betrachten).

Um ein Beispiel dieses inneren Konfliktes Kleists zu geben, sehen wir uns die Vorsilbe „ver“ im Deutschen an. Egal mit welchem Verb diese Vorsilbe in Verbindung tritt, weist sie immer auf eine Widersinnigkeit oder eine Fehleistung hin.

Freud sagt dazu:

Die gleiche Zusammensetzung mit der Vorsilbe „ver“ deutet für die meisten dieser Phänomene die innere Gleichartigkeit sprachlich an.8

Verhören“ bedeutet befragen, abfragen, analysieren. In diesem Wort gibt es einen Bezug zur Macht, denn „verhören“ heißt auch: jemanden einer Vernehmung zu unterziehen. Das ist für Kleist eine Form der Inquisition – sehr schwer für ihn zu akzeptieren, da er stets jede Form von Autorität verweigerte.9

So ent-zog er sich diesem Dilemma. Er spielt mit der Ambiguität, denn „sich verhören“ heißt, „schlecht gehört zu haben“, d.h. nicht begriffen zu haben, nicht begreifen, was sich sagt: es wird schwer sein, „sich zu verstehen“. Tatsächlich spricht man bei Kleist und versteht sich nicht.

Der Prinz Friedrich von Homburg, z.B., antwortet niemals auf Fragen, die man ihm stellt, als ob er falsch verstanden hätte:

„Was war’s schon, was der Dörfling, mich betreffend, bei der Parol’ hat gestern vorgebracht?“ (Vers 417)10

Hohenzollern: „(…) Dir ist aufgegeben, hier zu halten,
Im Tal, schlagfertig mit der Reuterei,
Bis man zum Angriff den Befehl dir schickt.“ (Vers 425, 426, 427).

Der Prinz von Homburg (nach einer Pause, in der er vor sich niedergeträumt hat)
– „Ein wunderlicher Vorfall!“ (Vers 429)

Dieses „verhören“ ist bei Kleist sehr wichtig, denn die Figuren werden von einer Stimme ohne Timbre von innen heraus gesprochen und diese Stimme, die in ihnen widerhallt, verdammt sie dazu, nicht gehört zu werden.

Die Sprache ist nicht länger Verbindungsglied eines reziproken Hörens, sie scheitert als Mittel Personen zu konstituieren, die sich gegenseitig anerkennen.11

Kleist benutzt mit Genuss diese Worte verdoppelten Hörens, um die Spaltung, die Dualität und das Doppel zu verstärken, das sich in jeder seiner Persönlichkeiten finden lässt.

„Wie manche, die am Hals des Freundes hängt,
Sagt wohl das Wort: sie lieb’ihn, o so sehr,
Dass sie vor Liebe gleich ihn essen könnte;
Und hinterher, das Wort beprüft, die Närrin!
Gesättigt sein zum Eckel ist sie schon.
nun Du gelibter, so verfuhr ich nicht.
Sieh her: als ich an deine Halse hieng
Hab ich’s wahrhaftig Wort für Wort gethan“. (Vers 2991 bis 3000)12

Das Versehen, der Irrtum den Penthesilea begeht, ist, „Küsse“ und „Bisse“ zu verwechseln. 13(Vers 2980…). Dies führt sie zu einer totalen Zustimmung zu ihrem eigenen Diskurs („Wort für Wort“). Ist es übertrieben, wenn wir schlussfolgern, dass Penthesilea – voll identifiziert mit ihrer Sprache – zu reiner Sprache wird, zu einer reinen Projektion der kleistschen Dichtung? Ist das Tragische nicht mehr die Intrige, sondern vielmehr die Schrift als solche?

Kleists Schrift, sein geschriebener Text, enthüllt tatsächlich die Streichung, die Prothoe von ihrem Todesbett her zeichnet. Im Widerspruch zum Gesetz der Amazonen, welches verbietet, auf dem Schlachtfeld seinen Partner auszuwählen, erwählt sie diesen – Achilles – in der Schlacht an Penthesilea.
Durch diese Übertretung gibt sie der Amazone den Schlüssel zur Konstituierung einer perversen Struktur.

„Die Mutter lag, die bleiche, scheidende,
Mir in den Armen eben, als die Sendung
Des Mars mir feierlich im Palast erschien. (Vers 2110 bis 2113)

…Doch sie, die würdige Königin, die längst
Mich schon ins Feld gewünscht (Vers 2133…)

Sie sagte:
…“Geh, mein süsses Kind! Mars ruft dich!
Du wirst den Peleïden dir bekränzen:“ (Vers 2137…)14

Der Dichter organisiert sein Triebleben in seiner Schrift. Sein Schreiben wird zum unentbehrlichen Akt, zu einer lebensnotwendigen Forderung.

Ich fühle, das mancherlei Verstimmungen in meinem Gemüt sein mögen, die sich in dem Drang der widerwärtigen Verhältnisse in denen ich lebe, immer noch mehr verstimmen, und die ein recht heitrer Genuss des Lebens, wenn er mir einmal zuteil würde, vielleicht ganz leicht harmonisch auflösen würde. In diesem Fall würde ich mich an der Musik beschäftigen. Ich glaube, dass im Generalbass die wichtigsten Aufschluesse über die Dichtkunst enthalten sind.15

Häufig ist der Kampf des Künstlers für sein Werk nichts weniger als der Kampf um sein eigenes Leben.16

Kleist bestätigt dies:

Ich dichte bloss, weil ich es nicht lassen kann.17

Im selben Brief spricht er das erste Mal von Penthesilea – dem persönlichsten seiner Werke, dasjenige unter all seinen Werken, das er nicht nicht schreiben konnte.

…mein innerstes Wesen liegt darin (…): der ganze Schmutz zugleich und Glanz meiner Seele.18

Diese doppelsinnigen Wörter muss man „festschrauben“, da sie sich zu leicht umkrempeln lassen und die Seite wechseln. Dafür benutzt Kleist die Interpunktion: Kommata, Semikola rahmen die Worte ein.
Diese Wörter (m-o-t-s) haben für Analytiker einen unersetzbaren Wert, da sie die Übel (m-a-u-x) enttarnen.
Der Stil, den Kleist erfindet, verstärkt das, was Serge André eine „perverse Hochstapelei“19  nennt, d.h. die Antwort des perversen Subjektes auf die Entdeckung einer ersten Hochstapelei (die Ur-täuschung), nämlich die der Realität.

Was kann die Kunst der psychoanalytischen Klinik beibringen?

Um auf diese Frage zu antworten, beziehe ich mich auf Penthesileas Worte:

„So war es ein Versehen,
Küsse, Bisse, das reimt sich,
und wer recht von Herzen liebt,
kann schon das eine
für das andre greifen.“ (Vers 2981)20

In dem Moment, in dem Penthesilea den fürchterlichsten Mord begeht und den auffrisst, den sie liebt, wird sie wie ein Wort betrachtet, wie eine Metapher als wäre sie das Wort eines fürchterlichen Rätsels:

„Hier kommt es, bleich wie eine Leiche, schon
Das Wort des Gräeul-Räthsels uns heran.“ (Vers 2600)21
„Es“, es ist: „Das Wort“.

Ihre Missetat wird von ihr selbst als einfache Konkretisierung des Reimes „Küsse/Bisse“ gedeutet.
So wird der Ausdruck „ich habe dich zum fressen lieb!“ von ihr buchstäblich genommen:

„Wie manche, die am Hals des Freundes hängt,
Sagt wohl das Wort: sie lieb ihn, o so sehr,
Dass sie vor Liebe gleich ihn essen könnte;
Und hinterher, das Wort beprüft, die Närrin!
Gesättigt sein zum Ekel ist sie schon.
nin gelibter, so verfuhr ich nicht, sieh her: als ich an deinen Halse hing,
Hab ich’s warhaftig Wort für Wort getan;“ (Vers 2991 bis 3000)22

Um jetzt den Kreis zu schließen und um zum Titel dieses Textes zurückzukommen: in den Confessions – geschrieben zwischen 1765 und 1770 – versucht Jean Jacques Rousseau23 zu beschreiben, wie er zum Schriftsteller wurde. Er beschreibt den Übergang zur Schrift als eine Art von Restauration – durch eine gewisse Abwesenheit und eine Art von kalkuliertem Auslöschen – der von sich enttäuschten Anwesenheit im Sprechen. Schreiben, sagt er, ist die einzige Möglichkeit, das Sprechen zu bewahren und wiederaufzunehmen, da es sich verweigert, in dem es sich gibt:

Rousseau betrachtet die Schrift als ein gefährliches Mittel, eine bedrohliche Hilfe, die kritische Antwort auf eine Notsituation. Wenn die Natur als Nähe zu sich selbst untersagt oder unterbrochen wird, wenn das Sprechen daran scheitert die Anwesenheit zu schützen, wird die Schrift nötig.24

Wenn uns ein Ereignis „fassungslos“ zurücklässt, fehlt uns die Sprache, wir sind „sprachlos“.
SCHREIBEN ist, wenn wir etwas buchstäblich nehmen, sagt uns Mallarmé25: wir nehmen es: “schwarz auf weiß“, d.h. wir „verdunkeln (es) mit dem Tintenfass des Unbewussten“, um „den Irrtum an seinem Ort“ einzuholen, an diesem Ort der Sprache, wo sich die Schrift befindet: da, wo wir gespielt werden.
SCHREIBEN, um aus dieser Sackgasse heraus zu kommen.

 

 

Fußnoten

  1. Rousseau, Jean -Jacques [1789]: Les confessions, Collection Folio classique (n° 2776), ED. Gallimard, 2009, Paris, 864.
  2. La Fondation du Champ freudien wurde von Lacan 1979 gegründet.
  3. Miller, D. [1990]: Traits de perversion dans les structures cliniques, Fondation du Champ freudien, Ed. Navarin, Paris, 510.
  4. Wenn wir Gesetz mit einem Großbuchstaben schreiben, handelt es sich für uns nicht um das Gesetz des Inzestverbots, sondern um das Gesetz, das im Unbewussten als symbolische Kastration funktioniert.
  5. Kleist, Heinrich von [1803]: Die Familie Schroffenstein, Band 1, Aufbau Verlag, Berlin, 1995.
  6. Ebd. Band 3.
  7. Lacan, Jacques [1964]: Seminar XI. Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Sitzung vom 22.01.1964, Textherstellung durch Jacques-Alain Miller, Quadriga, Berlin, 1987.
  8. Freud, S. [1904]: Psychopathologie des Alltagslebens, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 1992, 189.
  9. Sein Rücktritt von der Armee z.B.
  10. Kleist, Heinrich von [1822]: Prinz Friedrich von Homburg, Reclam Verlag, Ditzingen, 1966, 24.
  11. Nibbrig, Christian Hart [1986]: Revue Europe, juin- juillet 1986, n° 686-687, publié avec le concours du Centre national des Lettres.
  12. Kleist, Heinrich von [1808]: Penthesilea, Studienausgabe, Reclam Verlag, Ditzingen, 2012.
  13. Ebd.
  14. Ebd.
  15. Brief an Marie von Kleist, Berlin, Sommer 1811. In: Müller-Salget, K., Ormanns, S. [1997]: Sämtliche Werke und Briefe in 4 Bänden – Band 4: Briefe von und an Kleist 1793-1811, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a.M.
  16. Ebd.
  17. Brief an Otto August von Lilienstern vom 31.08.1806. In: Müller-Salget, K., Ormanns, S. [1997]: Sämtliche Werke und Briefe in 4 Bänden – Band 4: Briefe von und an Kleist 1793-1811, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a.M.
  18. Brief an Marie von Kleist, Dresden, Ende des Herbsts 1807. In: Müller-Salget, K., Ormanns, S. [1997]: Sämtliche Werke und Briefe in 4 Bänden – Band 4: Briefe von und an Kleist 1793-1811, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a.M.
  19. André, Serge [1993]: L’imposture perverse, Fondation du Champ freudien, Ed. Navarin, Paris, 432.
  20. Kleist, Heinrich von [1808]: Penthesilea, Studienausgabe, Reclam Verlag, Ditzingen, 2012.
  21. Ebd.
  22. Ebd.
  23. Rousseau, Jean -Jacques [1789]: Les confessions, Collection Folio classique (n° 2776), ED. Gallimard, 2009, Paris.
  24. Derrida, Jacques [1967]: De la grammatologie, Edition de Minuit, Paris, 207.
  25. Mallarmé, Stéphane [1897]: Divagations, Eugène Fasquelle éditeur, 255-262.

Literatur

André, Serge [1993]: L’imposture perverse, Fondation du Champ freudien, Ed. Navarin, Paris

Derrida, Jacques [1967]: De la grammatologie, Edition de Minuit, Paris

Freud, S. [1904]: Psychopathologie des Alltagslebens, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 1992

Kleist, Heinrich von [1803]: Die Familie Schroffenstein, Band 1, Aufbau Verlag, Berlin, 1995
—[1808]: Penthesilea, Studienausgabe, Reclam Verlag, Ditzingen, 2012
—[1822]: Prinz Friedrich von Homburg, Reclam Verlag, Ditzingen, 1966

Lacan, Jacques [1964]: Seminar XI. Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Sitzung vom 22.01.1964, Textherstellung durch Jacques-Alain Miller, Quadriga, Berlin, 1987

Mallarmé, Stéphane [1897]: Divagations, Eugène Fasquelle éditeur

Miller, D. [1990]: Traits de perversion dans les structures cliniques, Fondation du Champ freudien, Ed. Navarin, Paris

Müller-Salget, K., Ormanns, S. [1997]: Sämtliche Werke und Briefe in 4 Bänden – Band 4: Briefe von und an Kleist 1793-1811, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a.M.

Nibbrig, Christian Hart [1986]: Revue Europe, juin- juillet 1986, n° 686-687, publié avec le concours du Centre national des Lettres

Rousseau, Jean -Jacques [1789]: Les confessions, Collection Folio classique (n° 2776), ED. Gallimard, 2009, Paris