Kafkas Folter

von

Aber Qual, das heißt einen Pflug durch
den Schlaf – durch den Tag – führen,
das ist nicht zu ertragen.
p
Franz Kafka, Briefe an Milena (November, 1920).1

Die physische Folter hat in Kafkas Werk zwei Plätze. Diese hängen natürlich miteinander zusammen. Einerseits ist sie ein Extrem der beim Prager Dichter so wichtigen Sonder-Gerichtsbarkeit, also des Schauplatzes seiner Erzählung In der Strafkolonie, die er im Oktober 1914 schrieb, als er eigentlich seinen Roman Der Prozess vorantreiben wollte, in welchem körperliche Misshandlung (des Gerichtsdieners, den Joseph K denunziert hat) bekanntlich nur in der „Prügler“-Episode und in Joseph K.s Hinrichtung vorkommt. Der andere Ort der Folter bleibt intim, und auf seine Briefe beschränkt, vor allem die Briefe an Milena. Peter-André Alt zitiert aber auch einen Felice Bauer betreffenden Brief2, in welchem Kafka Felices „kühle Zurückhaltung“ als eine extreme Folter empfindet.

In den Briefen an Milena bezeichnet er sich zwar ein Mal als das Opfer, ein anderes Mal als den Agenten der Folter, jedoch nicht ausschließlich, was jede Reduzierung des Problems auf Masochismus und Sadismus ausschließt.3

Folter knüpft sich bei Kafka also einerseits an den Diskurs des (Un-)Rechts, natürlich auch an den im Sommer 1914 von Österreich und Deutschland erklärten Krieg, dem Todes-Urteil für das alte Europa, und, auf der subjektiven Ebene, an die Liebe.

Und dieser Knoten verbindet zusätzlich auch das Recht mit der Liebe. Am Anfang seines Seminars Encore – es fand in einem Hörsaal der Rechtswissenschaftlichen Fakultät Paris-Panthéon statt – erinnert Lacan daran, „dass im Grunde das Recht […] vom Genießen spricht“4, wobei er sich die Frauen und Männer, die ihm zuhören, auch im Bett vorstellt. „Genießen“ (jouissance) und usus fructus sind im Grunde juristische Begriffe.

 

1. Eine „schmutzige Geschichte“

Vor fast hundert Jahren, am 10. November 1916, las Franz Kafka seine Erzählung In der Strafkolonie in der Münchener Galerie Neue Kunst Hans Goltz, eines Förderers Wassily Kandinskys, vor.5 Der ihm sehr gewogene Rainer Maria Rilke war bei diesem Ereignis zugegen, schätzte diese Erzählung aber geringer als Die Verwandlung oder den Heizer. Die anwesenden Kritiker verdammten das Werk. Zu ihrem vernichtenden Urteil mag auch beigetragen haben, dass der Autor in München nicht sehr gut las. „Ich hätte meine kleine schmutzige Geschichte nicht lesen sollen“, schrieb Kafka danach. Das mit dem Schmutz stimmt. Bei dieser Geschichte kann einem schlecht werden. Kafka hat schon in dieser Erzählung die andere Seite des zivilisatorischen Fortschritts, also Verbreitung von Abfall und Schmutz beschrieben, die Zivilisation als die Kanalisation6, wie sie Lacan bezeichnen wird. Die Münchner Lesung mitten im Krieg hatte eine gewisse Wirkung auf sein Publikum. Mehrere Leute verließen den Saal, obwohl niemand in Ohnmacht fiel, wie ein Sensation heischender Schweizer Schriftsteller behauptete. Jedenfalls stellte Kafka die schmutzige Seite der kolonialistischen Sondergerichte bloß. War das aber das Ziel seiner Geschichte? Mit der Prager Lesung im Dezember 1914, also zwei Monate nach der Fertigstellung der ersten Fassung der Erzählung, dieses Mal in Gegenwart von Franz Werfel und Max Brod, war Kafka „nicht ganz unzufrieden, bis auf die überdeutlichen unverwischbaren Fehler“.7 Zu diesen gehört warscheinlich das Ende des Textes, mit dem sich Kafka nie abfinden konnte, das er aber resigniert in der Erstausgabe stehen ließ. Sie erschien im Jahr 1919 trotz starker Bedenken und des Widerwillens seines Verlegers Kurt Wolff. Vielleicht ist aber gerade der Schluss, nicht das Ende dieser Erzählung, das Erstaunlichste an ihr.

 

2. Zusammenfassung

Ein Forschungsreisender soll in einer Strafkolonie der Exekution eines Soldaten beiwohnen, „der wegen Ungehorsam und Beleidigung des Vorgesetzten verurteilt worden war“.8 Er kommt dieser Einladung nur ungern nach und in der Kolonie stoßen die Exekutionen nur mehr auf geringes Interesse, während früher alle wussten: „Jetzt geschieht Gerechtigkeit“. Ein dem neuen Kommandanten untergeordneter Offizier wird dem Reisenden den „eigentümlichen Apparat“ erklären, der die Hinrichtung ausführt. So befindet sich der Reisende in nur kleiner Gesellschaft; sie besteht, außer ihm selbst, nur aus dem das Gerät demonstrienden Offizier, dem verurteilten etwas stumpfsinnigen „hündisch ergeben aussehenden“ Soldaten in Ketten und einem ihn bewachenden Mann.

Der Apparat, so erklärt der beflissene Offizier, soll zwölf Stunden ununterbrochen im Gang sein und ist daher störungsanfällig; er besteht aus drei Teilen: dem Bett, auf das der nackte Verurteilte bäuchlings gelegt und angeschnallt wird, wobei ihm ein kleiner Filzstumpf in den Mund dringt, der ihn am Schreien und am Abbeißen seiner Zunge hindern soll, aus der mit Nadeln besetzten Egge und aus dem Schreiber, der mit seinem Räderwerk die Bewegung der Egge bestimmt, die ja mit ihren Nadeln den Wortlaut des Urteils auf den Rücken des Verurteilten schreibt. Das Urteil wurde dem Schreiber in Form einer Zeichnung eingegeben. Das Urteil ist in keiner einfachen Schrift abgefasst, denn diese soll ja nicht sofort töten, sondern erst nach zwölf Stunden. Der Schreiber erhält also vom Offizier das „Programm“, könnte man sagen, welches die Bewegung der Egge und des Bettes bestimmt. Nach zwei Stunden hat der Verurteilte keine Kraft zum Schreien mehr und daher wird der Filz aus seinem Mund entfernt. Nach der sechsten Stunde beginnt der Mann die Schrift mit seinen Wunden zu entziffern. Die eigentliche Schrift hat auf einem schmalen „Gürtel“ um den Leib Platz. Der übrige Körper trägt dann die Zierschrift, welche die Urteilsschrift umgibt.9 Nach zwölf Stunden spießt die Egge den Mann auf und kippt seinen Leichnam in die Grube unter dem Apparat. Damit ist das Urteil vollstreckt.

Der Reisende will wissen, wie das Urteil lautet. Dem gegenwärtigen Verurteilten soll der Satz „Ehre deinen Vorgesetzten!“ auf den Leib geschrieben werden. Er kennt das Urteil noch gar nicht. „Er erfährt es ja auf seinem Leib“, erklärt der Offizier. Der Verurteilte durfte sich weder verteidigen, noch weiß er, dass er verurteilt wurde. Der junge Offizier ist sein Richter, dessen Grundsatz lautet: „Die Schuld ist immer zweifellos.“10 Der gegenwärtige Schuldige hat seinen Dienst verschlafen und als der Hauptmann, dem er diente, mit seiner Peitsche über das Gesicht schlug, schrie er ihn an: „Wirf die Peitsche weg, oder ich fresse dich.“11

Der Offizier erklärt dem Reisenden das Ausmaß der Folter: während der ersten sechs Stunden erleidet der Verurteilte nur Schmerzen. Danach hat er keine Kraft mehr, um zu schreien. Die Nadeln vertiefen ja die Schrift in den schon zugefügten Wunden. Da die Egge aus durchsichtigem Glas besteht, können die der Hinrichtung Zuschauenden auch die Egge beobachten, wenn sie auf dem Körper des Verurteilten schreibt. Während der Offizier dem Reisenden die Funktionen der Maschine in ihren grässlichen Details erklärt, bemerkt dieser mit Schrecken, dass der Verurteilte ihnen gefolgt war, um auch „die Einrichtung der Egge aus der Nähe anzusehen“.

Dann beginnt die Exekution des Verurteilten, bei der aber einiges schiefgeht: ein Riemen reißt und der Mann auf dem „Bett“ erbricht sich.

Der Reisende bedeutet dem Offizier, dass er solche Gerichtsbarkeit ablehne und das dem Kommandanten sagen werde. Der Offizier erkennt also, dass das Verfahren den Reisenden nicht überzeugt hat. Weil sein Bemühen gescheitert ist, befreit der Offizier den Verurteilten, er „bettet“ ein neues Schriftblatt in den Zeichner, und auf diesem steht: „Sei gerecht!“ Der Offizier macht sich noch einmal an der Maschine zu schaffen, zieht sich aus und legt sich nackt unter die Egge. Der Offizier lässt sich also selber hinrichten. Da geht die Maschine in Trümmer, die Egge ermordet den Offizier und kippt seinen Leichnam in die dafür vorgesehene Grube.

Der Reisende verlässt die Strafkolonie, nachdem er dem befreiten Verurteilten und dem Soldaten verboten hatte, auf sein Boot zu steigen.

 

3. Folter und privater Prozess

Man hat behauptet, Kafka habe sich von Octave Mirabeaus Le jardin des supplices für seine Erzählung In der Strafkolonie inspirieren lassen, weil auch dort die Kolonien zum Schauplatz von Grausamkeit werden. Die Erzählung wurde auch einfach auf sadistische und masochistische Fantasien zurückgeführt. Nicht zu unrecht verwies man auch auf den seit August 1914 tobenden Krieg als Hintergrund der Geschichte. Doch in diesem ersten Kriegsjahr äußert sich Kafka nur lakonisch zur Gewalt der Waffen.

Die im Oktober 1914 in erster Fassung geschriebene Geschichte vom seltsamen Apparat kommt auch aus einer viel intimeren Sphäre des Autors.

Kafka nahm sich damals 14 Tage Urlaub, um an seinem Roman Der Prozess zu arbeiten, verwendete diese Zeit allerdings für das kurze Werk In der Strafkolonie. Solche Sinnesänderungen kamen bei ihm nicht selten vor und einer seiner Biografen stellt zwischen diesen Abweichungen und seinen Beziehungen zu Frauen Analogien her.

Knapp nach seiner Verlobung mit Felice Bauer, die er wie eine Falle erlebte, lud er deren Freundin Grete Bloch zu einem Wochenende in Gmünd an der österreichisch-tschechischen Grenze ein. Wie Der Prozess blieb auch seine Beziehung zu Felice unvollendet, die Verlobung wurde aufgelöst und weitere Annäherungen zwischen dem Paar im Jahr 1916 blieben ohne ernsthafte Konsequenzen.

Noch etwas kündigt sich schon vier Monate vor der traumatischen „Gerichts“-Prozedur im Askanischen Hof, die zur Auflösung der Verlobung führt, an. Elias Canetti nennt diese Prozedur den „anderen Prozess“. Kafka erstattet Martin Buber bei diesem kurzen Berlin-Aufenthalt (Februar 1914) einen Besuch ab. Und von welchem „großen literarischen Thema“12 sprechen sie? Von „Gerichtsbarkeit ohne verbindliche Rechtsbasis“!

Felice kommt nicht einmal zum Bahnhof, um sich von Kafka zu verabschieden, der nach Prag zurück fährt. Alt schreibt: „Ihre kühle Zurückhaltung erscheint ihm wie eine Folter“. Dann zitiert der Biograph folgende Briefstelle des Dichters: „Es könnte nicht schlimmer sein. Jetzt käme das Pfählen dran.“

 

4. Schreiben, um zu existieren

Früh in seinen Briefe(n) an Felice, als er noch um ihre Post bettelt, entsteht zwischen seinem Briefschreiben an sie und „(s)einem anderen Schreiben“13 eine unerbittliche Konkurrenz. Seine Ablehnung des Briefes wird er erst in den Briefen an Milena voll aussprechen, ja geradezu theoretisch fundieren. In jener frühen Phase ihrer Beziehung klagt er Felices Briefe ein, wenn sie säumig ist, warnt sie aber zugleich über die „vielen Unmöglichkeiten“, die es in ihrer beiden Schreiben gibt.14 Vor allem lässt er aber keinen Zweifel bei ihr daran aufkommen, dass sein Leben „von jeher aus Versuchen zu schreiben“ besteht.15 Das Schreiben kommt vor jeder Beziehung. Und weil Felice diese Zurücksetzung offenbar nicht duldet, appelliert sie an eine Art Lustprinzip namens Mäßigung, und weiß dabei gar nicht, was sie damit bei ihm auslöst:

Mein Schreiben und mein Verhältnis16 zum Schreiben würden Sie dann vor allem anders ansehen und mir nicht mehr ‘Maß und Ziel’ anraten wollen. ‘Maß und Ziel’ setzt die menschliche Schwäche schon genug. Müsste ich mich nicht auf dem einzigen Fleck, wo ich stehen kann, mit allem einsetzen, was ich habe. Wenn ich das nicht täte, was für ein heilloser Narr wäre ich! Es ist möglich, dass mein Schreiben nichts ist, aber dann ist es auch ganz bestimmt und zweifellos, dass ich ganz und gar nichts bin. Schone ich mich darin, dann schone ich mich, richtig gesehen, eigentlich nicht, sondern bringe mich um.17

Kafka muss also nichts Geringeres als seine Existenz verteidigen und was sich in diesem Brief als Antwort auf Felices Aufruf zur Mäßigung, zum juste milieu, abzeichnet, ist bereits das pathologische Gesicht des Gesetzes, der fehlgeleiteten „praktischen Weisheit“18, dem er nur seine Beschreibung einer abwegigen Gerichtsbarkeit entgegensetzen wird können. Dem Aufruf zum Guten folgt die Beschwörung des Bösen.

 

5. Ein logischer Schluss

Kafka gibt dem Gesetz drei Gestalten: 1. Die der abseitigen Gerichtsbarkeit in seinem Roman Der Prozess, dessen Ausarbeitung er ja nach der Auflösung der Verlobung am 11. August 1914 beginnt19; 2. Die Richtigstellung der Universalität des Gesetzes in der Parabel „Vor dem Gesetz“: das Gesetz ist anscheinend unzugänglich und es gibt für einen jeden ein eigenes Tor durch das er in das Gesetz eintreten muss; 3. Die Sonder-Gerichtsbarkeit in der Strafkolonie.

Die abseitige Gerichtsbarkeit deutete Slavoj Žižek nach seiner Lektüre von Reiner Stachs Buch Kafkas erotischer Mythos20 als die andere Seite des hehren, universellen Gesetzes mit seiner Geltung für alle, nämlich das in seiner Gerichtsbarkeit herrschende obszöne Genießen. Die Parabel „Vor dem Gesetz“, die sich nicht mit All-Sätzen begnügt, sagt, dass es nur ein Gesetz gibt und dennoch jeder seine eigene Tür zu ihm öffnen muss, obwohl ihm der Eintritt von einem übermächtigen Türhüter verwehrt wird.

Die Zerstörung des „eigentümlichen Apparats“ in der Strafkolonie beruht auf seiner Abnützung und der Verweigerung des neuen Kommandanten, Ersatzteile für ihn anzuschaffen. Er fällt einfach auseinander. Aber das ist nicht der einzige Grund für seine Zerstörung. Nachdem der den Betrieb des Apparats fanatisch verteidigende Offizier verstanden hat, dass der Reisende sich beim Kommandanten nicht für ihn und seinen Hinrichtungsapparat einsetzen wird, weil er die Gerichtsbarkeit auf der Strafinsel ablehnt, unterbricht er die Hinrichtung des vorletzten Verurteilten, befreit diesen und legt sich an seiner Stelle auf das Exekutionsbett. Das ist schon ein Sabotageakt gegen die von ihm selbst so geschätzte grausame Gerichtsbarkeit in der Strafkolonie.

Bevor er aber seine eigene Hinrichtung in Gang setzt, gibt er dem Reisenden das Blatt für den Schreiber, auf welchem das Gebot steht, das auf seinen Körper graviert werden soll, weil er es nicht eingehalten hat. Der Reisende kann die Schrift nicht lesen21, daher liest der Offizier sie ihm vor: „Sei gerecht!“.

War er das nicht, als er den Verurteilten hinrichten wollte? Im Sinn des geltenden, positiven Strafrechts der Strafkolonie, war sein Urteil nicht ungerecht. Im Sinne der europäischen Rechtsprechung jener Zeit, in der die Geschichte spielt, war es ein grausames Fehlurteil. Im ersteren Fall, jenem der beschränkten Gesetzeshoheit auf der Insel, wäre also seine eigene Hinrichtung ein Fehlurteil. Im Falle einer europäischen Gesetzgebung, wäre die grausame Hinrichtung des Mannes, der seinem Vorgesetzten den Gehorsam verweigert hatte, eine schreiende Ungerechtigkeit gewesen. Er hatte also Recht, sich selbst hinzurichten. Aber mit seinem Selbsturteil hätte er dem geschriebenen Gebot eben entsprochen, er wäre gerecht gewesen und seine Hinrichtung war ungerecht! Nicht nur die Maschine fällt am Schluss auseinander, sondern auch das Gesetz, denn es erweist sich als inkonsistent.

Aber ist das Gebot „Sei gerecht!“ und sogar jenes, das befiehlt: “Du sollst deinen Vorgesetzten ehren“ nicht auch in einem europäischen Staat des frühen 20. Jahrhunderts ein akzeptierbares Prinzip?

Was der Reisende mit Recht verwirft, ist die Kombination der hoch moralischen Gebote mit der grauenhaften Strafe: der Veruteilte muss die Schrift des von ihm übertretenen Gebotes „mit seinen Wunden“ entziffern! Also ist der Offizier seit langem schuldig, er war ja nicht gerecht. Seine Selbstbestrafung entspräche jedoch nur dem Inselrecht.

Der Reisende hat, ohne auf Gerechtigkeit zu bestehen, ja ohne sich in die Angelegenheiten der Strafkolonie einmischen zu wollen, die vorletzte Hinrichtung verhindert. Zur letzten gab er wieder ohne es zu wollen, den Anstoß und konnte die den Offizier zerstückelnde Maschine dieses Mal nicht abschalten.

Das ist der logische Schluss der Erzählung, nicht ihr Ende, mit dem Kafka gar nicht zufrieden war. Der logische Schluss kommt zu einem Ergebnis, das man nicht überlesen sollte: Der erhabenste Wortlaut eines Gebotes (wie „sei gerecht!“) bleibt ein frommer Wunsch, weil er missbraucht werden kann, wenn die Gemeinschaft der dem Gesetz Unterworfenen bei der Ahndung der Gesetzesübertretung Grausamkeit walten lässt.

Insofern taugen die Gesetze der Strafkolonie ebenso wenig wie deren Maschine, welche die Zuwiderhandelnden exekutiert. Das Gesetz in der Strafkolonie ist also die Maschine und der Erzähler schafft es genauso ab, wie er den Apparat zerfallen lässt. Ausgelöst wurde diese Zerstörung von der kontingenten Anwesenheit des Reisenden im Wüstental der Insel.

Der von seinen Vorgesetzten geschätzte Jurist Franz Kafka attakiert und zerlegt also mit seinem Schreiben das Gesetz, nachdem seine Erzählung In der Strafkolonie dieses Gesetz als mit dem „eigentümlichen Apparat“ verschmolzen erwies.

 

6. Folter, Liebe, Brief

Die Liebe zu Felice bedrohte sein Schreiben. Kafka fühlte sich im Askanischen Hof vor ein obskures Sondergericht gestellt, und löste seine Verlobung auf. Die Thematik der Sondergerichtsbarkeit inspiriert sein Schreiben und Kafka macht die labyrinthische Form eines Gerichts der Willkür zum Schauplatz seines Romans Der Prozess.

1919 schreibt er seinen von ihm so genannten „Advokaten-Brief“ an seinen Vater. Dann, etwas später, im Jahr 1920 wird sein Brief-Schreiben selbst zum Schauplatz von Grausamkeit und Folter. Aber kein Gericht, kein Urteil hat diese als Verhörmethode befohlen oder als Strafe verhängt und obwohl er in einem Brief das Folteropfer ist, in einem anderen sich mit einem Folterknecht identifiziert, sollte man das Problem der Folter in seinen Briefen nicht auf ihn allein beschränken.

Es handelt sich natürlich um die zwischen April 1920 und Dezember 1923 geschriebenen Briefe an Milena, wobei man sagen muss, dass uns nur ein halbes Dutzend von Briefen nach November 1920 erhalten blieben. Milena ist auch die Depositärin seiner Tagebuchaufzeichnungen und seines Briefs an den Vater. Er kündigt ihn ihr mit dem Datum 4. bis 5. Juli 1920 von Prag aus an. Sie lebt in Wien:

Morgen schicke ich Dir den Vater-Brief in die Wohnung, heb ihn bitte auf, ich könnte ihn vielleicht doch einmal dem Vater geben wollen. Lass ihn womöglich niemand lesen. Und verstehe beim Lesen alle advokatorischen Kniffe, es ist ein Advokatenbrief. Und vergiss dabei niemals Dein großes Trotzdem.22

Abgesehen von einem Tagebucheintrag zu einem „sonderbaren Gerichtsgebrauch“23 einer Hinrichtungsfantasie, die zum Prozess gehören dürfte, und den Nachträgen zum Ende der Erzählung In der Strafkolonie von August, 1917,24 ist der Vaterbrief als „Advokatenbrief“ wahrscheinlich sein letzter am juristischen Diskurs teilhabender persönlicher Text.

Der juristische Schauplatz (Gericht) fällt in Kafkas Briefe an Milena weg, die Grausamkeit bleibt. Die Folter auch.

Ja, das Foltern ist mir äußerst wichtig, ich beschäftige mich mit nichts anderem als mit Gefoltert-werden und mit Foltern.25

Und weiter unten:

Natürlich, auch kläglich ist das Foltern. Alexander hat den gordischen Knoten, als er sich nicht lösen wollte, nicht etwa gefoltert.

Zeigt nicht gerade diese Stelle zum Zerschlagen des gordischen Knotens, dass Kafka das Foltern mit dem Problem des Gebundenseins, in seinem Fall dem der Liebe assoziiert, eine Gebundenheit, die er dem Brief anlasten wird? Ist seine Besessenheit von der Folter nicht der symptomatische Versuch einer Antwort auf seine Qual, ein Versuch, in seinem Schreiben den Brief und seine Ansprüche auf Kommunikation zu überwinden?

 

7. Gegen den Brief

„Qual“ und „quälen“ sind Wörter, die gerade am Ende der Korrespondenz häufig fallen, und zwar weniger hinsichtlich der Krankheiten, seiner und der Milenas, sowie Milenas äußerst schwierigen Lebensumständen. Die Qual und das Quälen charakterisieren vielmehr Kafkas Verhältnis mit Milena:

Das was Du mir bist Milena mir hinter aller Welt bist in der wir leben, das steht auf den täglichen Fetzen Papier, die ich Dir geschrieben habe, nicht. Diese Briefe, so wie sie sind, helfen zu nichts, als zu quälen und quälen sie nicht, ist es noch schlimmer.26

Sie brächten „Missverständnisse, Schande, fast unvergängliche Schande“27 hervor. Zwei Tage später: „Und diese Briefe sind doch nur Qual, kommen aus Qual, unheilbarer, machen nur Qual, unheilbare, was soll das – und steigert sich gar noch – in diesem Winter.“28 Kafka fühlt sich ohnmächtig, „über die Briefe hinauszukommen.“29

Seine und ihre Briefe quälen ihn also. Aber Kafka impliziert an dieser Stelle auch, dass er, wäre er nicht ohnmächtig, über sie, die Briefe, hinauskommen könnte. Also sind sie gar nicht so mächtig! Liest man diese Stelle so, dann spräche sie auch für Kafkas Sprachskeptizismus, den sein Biograf Peter-André Alt hervorhebt. Der Sprache, also auch den Briefen, fehlt, laut Kafka, die Macht, weit genug (im Sagen und Zeigen) zu gehen. Kafka befindet sich in einer Zerreißprobe zwischen der Bindung durch die Briefe und seinem Ehrgeiz, mehr zu sagen, mehr zu zeigen als die Sprache, deren Träger diese Briefe sind, imstande ist. Er wird keine andere, neue Sprache erfinden, aber etwas, das über die Sprache hinausgeht: ein bildliches, kein abbildendes Schreiben, ein aufwühlendes, kein adressiertes Schreiben, ein Schreiben von Gesten, Aphorismen, Rätseln, Paradoxen, Entlarvungen, statt ein Schreiben von Zeichen, Lehren, Weisheiten, Geboten.

Eineinhalb Jahre später, Ende März 1922, schickt Kafka Milena, die er nun per Sie anspricht, seine große Anklagerede gegen den Brief als solchen. Man müsste seinen ganzen Brief zitieren. Er erinnert Milena daran, wie er Briefe hasst. Alles Unglück seines Lebens komme von Briefen.

Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer undzwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen.30

Das Briefschreiben sei ja „ein Verkehr mit Gespenstern“. Er präzisiert: Es geht nicht nur um das Gespenst des Adressaten, das Briefschreiben ist auch ein Verkehr mit dem eigenen Gespenst!31 Dieses Gespenst entwickle sich „unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, oder gar in einer Folge von Briefen[…].“ Und dann beschuldigt er die Briefe einer Art von Voyeurismus und sexueller Gewalt:

Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.

So ernähren sich die Gespenster. Die Gespenster verschärfen Kafkas Pessimismus. Er, der die technischen Errungenschaften seiner Zeit, trotz seiner Telefonphobie zu schätzen weiß, der die Erfindung des Computers begeistert aufgenommen hätte (und in einem Punkt schon In der Strafkolonie vorwegnahm), wenn er diese Erfindung noch erlebt hätte, glaubt, dass die heraufkommende Kommunikationstechnologie die Gespenster fördert.

Die Menschheit […] hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den naürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern aber wir werden zugrundegehn.

Post, Telefon und Telegrafie führen zu keinem „natürlichen Verkehr“, nähren also die Gespenster. Deswegen wird sich Kafka aus der Korrespondenz mit Milena nach fünf weiteren Briefen und Postkarten Ende 1923 zurückziehen. Seine Grüße hätten nicht mehr die Kraft, an Milenas Adresse zu kommen.

Die Briefe stehen also in einer eklatanten Inadäquation zu dem, worauf es ihm ankommt und das heraus zu bekommen er viel radikalere Instrumente braucht als Briefe, nämlich Folter. Das hat mit Liebe zut un. Ab September 1920 wird er sich dazu erklären.

Er erklärt ihr seine Liebe am 14. September 1920. Aber wie!

Auch ist es nicht eigentlich Liebe wenn ich sage, dass Du mir das Liebste bist; Liebe ist, dass Du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle32.

Briefe ergeben keine Beziehung, entleeren sie eher. Die Liebenden müssen zusammenkommen (mit der Bahn, dem Flugzeug, Errungenschaften der neuen Zeit). Ihre sexuelle Begegnung lässt sich nicht als Beziehung beweisen, denn dieser Beweis müsste ja geschrieben werden. Daher verwandelt Kafka Milena in ein Messer, „mit dem (er) in sich wühlt“, sie wird zum Symptom.

Am 18. September 1920 antwortet er auf eine Bemerkung Milenas zur Auflösung seiner Verlobung (mit Julie Wohryzek) und bezichtigt sich eines „lüderlichen Lebens“, dem er abzuschwören hätte, weil man mit dem Kopf in einen Schraubstock käme, dessen Schrauben angezogen würden, wenn man dieser „Lüderlichkeit“ nicht abschwöre.33

Zwei Briefe später schickt er Milena die Zeichnung einer Maschine, die einen Menschen in der Mitte zerreißt und fügt ihr eine Erklärung bei, die mit dieser Bemerkung endet:

An der Säule lehnt der Erfinder und tut mit übereinandergeschlagenen Armen und Beinen sehr gross, so als ob das ganze eine Originalerfindung wäre, während er es doch nur dem Fleischhauer abgeschaut hat, der das ausgeweidete Schwein vor seinem Laden ausspannt.34

Warum schrieb Kafka in den Briefen an Milena von der Folter? Empfand er seine Beziehung zu ihr als Qual? Wollte er ihr seine sadistischen und masochistischen Fantasmen mitteilen? Wollte er sie abstoßen, sie demütigen, ihr Mitleid erregen? Keine dieser Begründungen kann uns überzeugen.

Wir müssen uns daher an die Logik seines Diskurses halten, wenn wir den Zusammenhang zwischen seiner Liebe und der Gewalt seiner Triebäußerungen in seinen Briefen erklären wollen. Wir konnten eine Parallele zwischen der Erzählung In der Strafkolonie von 1914 (1919) und der Korrepondenz von 1920-1923 herausarbeiten. In beiden Texten wird der Träger oder das Medium der Botschaft zerstört. In Die Strafkolonie zerfällt die Maschine und das Gesetz erweist sich als widersprüchlich und mit dem Folterapparat verschmolzen.

In Briefe an Milena attackiert Kafka das Medium seines Schreibens, den Brief. Er hasst Briefe, beschuldigt sie, die Gespenster des Briefschreibers wie seiner Adressatin zu ermuntern, ihren Inhalt auszutrinken, sich an ihnen zu ernähren, also das Reich des Todes zu vergrößern.

 

8. Schwäche und Verwünschung des Briefes. Der Sprache?

Obwohl Kafkas zwischen dem 20.9.1912 und dem 16.10.1917 geschriebene Briefe an Felice auf sieben hundert Seiten schreibt, entwickelt er eine große Abneigung gegen dieses Medium. Diese Abneigung wird er in seinen Briefen an Milena begründen. Briefe sind einerseits zu schwach, um eine Liebesbeziehung aufrecht zu erhalten, andererseits spalten sie sowohl den Briefschreiber als auch den Briefempfänger in ein Gespenst und ein menschliches Wesen. Das Gespenst wird dabei durch das Briefschreiben Oberhand gewinnen. Wenn Kafka auf physische Verkehrsmittel besteht, welche die Liebenden zusammenbringen, so sagt er nichts anderes, als dass eine Liebesbeziehung nur physisch bestehen kann. Auf Lacans Axiom von der unmöglichen sexuellen Beziehung angewendet heißt das: ein Schreiben dieser Beziehung ist unmöglich, es könnte nur von der physischen sexuellen Beziehung gesagt werden, dass es sie gibt. Aber als solche, ungeschriebene Beziehung, kann man nicht beweisen, dass es sie gibt.

Kafka schreibt also Hunderte von Briefen, er schreibt aber auch, dass er den Brief, besonders den Liebesbrief, abschaffen will, wie der Erzähler von In der Strafkolonie durch die Aussagen des Offiziers, der sich selbst verurteilt, das Gesetz sich widersprechen, und den Hinrichtungsapparat auseinander fallen lässt. Die Liebe muss für sich selber sorgen, könnte man in Abwandlung eines Satzes von Wittgenstein sagen.35

Kafka zieht wie Wittgenstein in seinem Tractatus die Leiter hoch: die weise Aussage des Gesetzes, „Sei gerecht!“ wird von der Folterstrafe als leerer Unsinn widerlegt. Der Brief kann kein sexuelles Verhältnis herstellen. Es bleibt die Geliebte, das Messer, mit dem Kafka in sich wühlt.

 

9. Das wahre Medium seines Schreibens

Mit dieser Zerstörung des falschen Gesetzes mit seiner Maschine und der Entwertung des Briefes als Sprachträger der Liebe entsteht eine Schwindel erregende Leere, klafft die wahre Freiheit als das Medium seines Schreibens auf. Keine Materialität des Buchstabens regiert dort mehr. Keine Sprachfigur hilft, seine Sätze zu verstehen.

Der Prozess und seine zeitgenössische Geschichte In der Strafkolonie spielen vor dem Hintergrund der „Gerichtsbarkeit ohne rechtliche Grundlage“ und die Folter geht als Extrem aus jener Gerichtsbarkeit36 hervor.

Warum aber drängt sich die Folter dem Autor während seiner kurzen Liebesbeziehung zu Milena auf? Milena will ihn nicht vom Schreiben abhalten, sie bestärkt ihn eher darin, indem sie ihn liest und einige seiner Texte übersetzt. Als sie einmal von ihrem Wunsch, mit ihm zu leben, spricht, schließt er diese Möglichkeit kategorisch aus. Gewiss leidet er schon im Jahr 1920 an seiner Lunge und auch Milena bräuchte einen Aufenthalt im Sanatorium. Aber als seine Tuberkulose schon sein Leben bedrohte, teilte er zwischen 1923 und 1924 drei Wohnungen in Berlin mit Dora Diamant, seiner letzten Geliebten.

Die verheiratete Milena, mit der er eigentlich nur zwei Mal zusammen kam, war eher eine ferne Geliebte, der er nur schreiben konnte. Im Laufe seiner Korrespondenz mit ihr, sagte er sich vom Brief als Medium seiner Liebe los. Der Brief besiegelte die Unmöglichkeit seines Verhältnisses zu ihr.

 

10. Ein neuer Knoten

Kafka trennte sich also auch von ihr. Damit ging einher – und es ist schwer zu sagen, ob als Ursache oder als Wirkung – dass sich auch sein Schreiben wandelte. Der Todestrieb war nicht mehr an Folterfantasien geknüpft. Kafka identifizierte sich fortan direkt mit ihm. Aber was ist der Todestrieb?

Der Todestrieb ist nicht die kirkegaardsche „Krankheit zum Tode“ und will auch nicht nur „das Ziel alles Lebens“, nämlich den Tod erreichen.37

Lacan stellt sich Freud entgegen, wenn dieser die Rückkehr zur Unbelebtheit als Ziel des Todestriebes erklärt. Lacan spielt dabei Sade, „den intelligentesten aller Materialisten“, gegen Freud aus. Für Saint Fond in Juliette „bleibt nach dem Tod alles vom Begehren nach Genießen belebt.“38

„Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen“, steht auf dem 5. „Zürauer Zettel“39. Die Zürauer Zettel hinterlassen die sprechendste Spur von Kafkas Sublimierung des Todestriebs. Der Todestrieb, ob in in seiner sublimierten Form oder als Motor des „Sinthomes“, verlangt einen Sprung ins Unbekannte.40

Ab seiner Brandrede gegen den Brief als Träger seiner Liebe, schien Kafka sich auch seine Rückzugswege zu dem in seinem Schreiben Erreichten abschneiden zu wollen, indem er Aphoristisches zu seinem Schreiben und Leben notierte. Gewiss begab er sich damit in seinen Zürauer Zetteln immer weiter in den Bereich der Abstraktion. Aber in seinen weiteren Arbeiten verschärfte er noch den ihm – und nur ihm   ̶  eigenen Bezug zum Realen. Zum Beispiel scheint der Landvermesser K. in seinem letzten Roman Das Schloss in das Zentrum der Macht des Schlosses gelangen zu wollen. In Wirklichkeit antwortet der Roman aber auf diese Absicht damit, dass K. seine Ausweglosigkeit im Dorf, das ja schon zum Schloss gehört, erkennen und durchlaufen muss. Es ist so, als würde auf sein Streben, zu den entscheidenden Behörden des Schlosses vorzudringen, um von ihnen als Landvermesser angestellt zu werden, nur sein erschöpfendes Durchqueren des Dorfes und seine erbärmlichen Abenteuer mit den Männern und Frauen des Dorfes antworten können. Kafkas Schrift hat einen vexierenden Effekt: Je mehr man das Schloss im Transzendentalen ansiedelt, desto stärker drängt sich einem die Wirklichkeit des Dorfes auf.

Wenn Kafkas Briefkritik auch eine Sprachkritik ist, eine Kritik nicht an der Über-Mächtigkeit der Sprache, sondern daran, dass sie ihn nicht weit genug gehen lässt zu sagen, was er zu sagen hat, so treibt ihn dieser Mangel dennoch zu keiner Reform der Sprache. Er will keine neue Sprache erfinden, er will die Sprache auch nicht zum Ausdruck bringen wie dei Expressionisten.

Er versucht eher eine neue Allianz, einen neuen Knoten, von Bild, Realem und Sprache. Er ist der wahre Zeitgenosse des gerade geborenen Kinos. Weit davon entfernt, die Welt zu beschreiben, zeigt er, wie er in ihr ist. Seine Zeichnungen in seinen Tagebüchern, sprechen zum Beispiel dafür, dass er manchmal sah, was er schrieb und bestätigen Reiner Stachs Auffassung, dass er sich insofern beeilen musste, zu schreiben, was er schon wie ein Traumbild entworfen hatte, weil es slapstick-artig vor seinem inneren Auge aufflackerte.

 

11. Ratlosigkeit

Mit seinen Mythenvariationen – Pometheus, Poseidon oder Das Schweigen der Sirenen – projiziert er Archaisches als nie Dagewesenes. Sein Hungerkünstler ist eigentlich ein Anachronismus, den er neu beschwört, denn um 1924, als er diese Erzählung schrieb, hatte das soziale Phänomen der Hungerkünstler gerade seine Popularität verloren, für den todkranken Kafka war sie aber nur zu aktuell. Das Symbol schafft er ab. Das Unheimliche und Fantastische bestand für ihn nur aus der realen Gier der Menschen danach.

Kafka nahm die Sprache voll in Anspruch, um eine unvergleichliche Welt zu schaffen, in der es keine Sicherheit gibt, und die dennoch jeden betrifft. Auch im Unbewussten gibt es keine Sicherheit. Der Unterschied zwischen Kafkas Welt und dem Unbewussten besteht aber darin, dass dieses sich deuten lässt und das Begehren des Subjekts manchmal sogar deutet, während, wie Adorno schrieb, „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden“. Kafkas Leser muss also seine Konsequenz aus der Ratlosigkeit ziehen, in welche ihn sein Text stürzt.

 

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Fußnoten

  1. Born, Jürgen/ Müller, Michael (Hrsg.) [1991]: Franz Kafka – Briefe an Milena. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 301. Die Kritische Ausgabe datiert den Brief mit 20. September 1920.
  2. Alt, Peter-André [2005]: Franz Kafka: Der ewige Sohn, Beck Verlag, München, 336.
  3. In Triebe und Triebschicksale erklärt Freud, dass er Liebe und Hass nicht in seine „Darstellung der Triebe“ einreihen kann. Diese beiden „Gefühlsgegensätze“ stünden zwar in „innigster Beziehung“ zum „Sexualleben“, er sträube sich aber dagegen, „das Lieben als einen besonderen Partialtrieb der Sexualität […] aufzufassen“ (Freud, Sigmund [1915]: Triebe und Triebschicksale, In: Gesammelte Werke (GW) X, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1969, 225-226). Dann schreibt er: „Man möchte eher das Lieben als den Ausdruck der ganzen Sexualstrebung ansehen, kommt aber auch damit nicht zurecht und weiß nicht, wie man ein materielles Gegenteil dieser Strebung verstehen soll“. Diesen Satz hält Lacan für eine indirektes Eingeständnis Freuds, dass es „die ganze Sexualstrebung“ gar nicht gibt, sondern nur die Partialtriebe. (Lacan, Jacques [1964]: Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse. Texte établi par Jacques-Alain Miller, Éditions du Seuil, Paris, 1973, 160). Liebe und Hass wirken also auf das Sexualleben ein, dieses kann auch Liebe oder Hass hervorbringen und sich dabei auch des Sadismus und des Masochismus bedienen, die Freud in Triebe und Triebschicksale als Triebe auffasst (GW, 220) und ab 1920 in Jenseits des Lustprinzips als Äußerungen des Todestriebs.
    Quälen und Gequält-Werden sind Vorgänge, die nicht nur auf Triebbefriedigung abzielen. Sie sind für Freud ja tatsächlich zwei Triebe. Aber Quälen und Gequält-Werden sind natürlich auch mit Liebe vereinbar. Dabei wird dem geliebten Wesen entweder die Funktion des Agens oder die des Opfers zugeschrieben. Folter geht aber dagegen auch unabhängig von einem unterstellten Sadismus des Folterknechts vor sich, wenn sie z. B. auf das Erpressen von Geständnissen oder anderen Informationen abzielt und der Folterknecht seine grauenhafte Tat in vollkommener Indifferenz ausführt.
  4. Lacan, Jacques [1972-73]: Encore. Seminar XX, Herausgegeben von Jacques-Alain Miller. Éditions du Seuil, Paris, 1975, 10.
  5. Stach, Reiner [2008]: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 149-157.
  6. Siehe auch Lacan, Jacques [1971]: Lituraterre. In: Autres Écrits, Éditions du Seuil, Paris, 2000, 11: „La civilisation, […] c’est l’égout“.
  7. Koch, Hans-Gerd (Hg.) [1990]: Franz Kafka. Kritische Ausgabe – Tagebücher, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 703.
  8. Kafka, Franz [1919]: In der Strafkolonie. In: Sämtliche Erzählungen, Herausgegeben von Paul Raabe. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1970, 100.
  9. Ebd. 107.
  10. In Lacans Angstseminar würde das eher von der Angst gelten.
  11. Kafka, Franz [1919]: In der Strafkolonie. In: Sämtliche Erzählungen, Herausgegeben von Paul Raabe. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1970, 105.
  12. Alt, Peter-André [2005]: Franz Kafka: Der ewige Sohn, Beck Verlag, München, 375.
  13. Born, J./ Heller, E. (Hrsg.) [1982]: Franz Kafka – Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M., 70 (3. XI.1912).
  14. Ebd. 63.
  15. Ebd. 65 und 66 (1. XI. 1912).
  16. Meine Hervorhebung (FK)
  17. Born, J./ Heller, E. (Hrsg.) [1982]: Franz Kafka – Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M., 76 (5. XI. 1912).
  18. Vgl. Crubellier, Michel/ Berti, Enrico [2016]: Lire Aristote, Puf, Paris, 172.
  19. Alt, Peter-André [2005]: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Beck Verlag, München, 387.
  20. Stach, Reiner [1987]: Kafkas erotischer Mythos. Eine ästhetische Konstruktion des Weiblichen. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
  21. Diese Unleserlichkeit ist natürlich eine Absage an das anscheinend humane Gesetz.
  22. Born, Jürgen/ Müller, Michael (Hrsg.) [1991]: Franz Kafka – Briefe an Milena. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 85.
  23. Tagebucheintrag vom Juli 1916. In: Koch, Hans-Gerd (Hg.) [1990]: Franz Kafka. Kritische Ausgabe – Tagebücher, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 797 u. 800.
  24. Ebd. 825-827.
  25. Born, Jürgen/ Müller, Michael (Hrsg.) [1991]: Franz Kafka – Briefe an Milena. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 290. Kafka scheint sich hier mit Feldwebel Perkins, einer folternden Romanfigur aus Jimmy Higgins von Upton Sinclair (1919) zu identifizieren. Milena hatte ein Kapitel dieses Romans übersetzt. In der Kritischen Ausgabe dieser Briefe, die mir nur in ihrer französischen Übersetzung zur Verfügung steht, ist dieser Brief auf Mittwoch, den 3. November 1920 datiert.
  26. Ebd. 299.
  27. Ebd.
  28. Ebd. 301.
  29. Ebd. 299. Meine Hervorhebung (FK).
  30. Ebd. 301
  31. Ebd. 302.
  32. Meine Hervorhebung (FK).
  33. Born, Jürgen/ Müller, Michael (Hrsg.) [1991]: Franz Kafka – Briefe an Milena. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 267.
  34. Ebd. 271-272.
  35. „Die Logik muss für sich selber sorgen“. In: Wittgenstein, Ludwig [1929]: Tractatus logico-philosophicus, 5.473.
  36. Man kann ihr die Hinrichtung Joseph K’s durch Erstechen zurechnen.
  37. Freud, Sigmund [1920]: Jenseits des Lustprinzips. In Gesammelte Werke XIII, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1969, 40.
  38. Lacan, Jacques [1969-70]: Le Séminaire. Livre XVII. Texte établi par Jacques-Alain Miller. Éditions du Seuil, Paris, 1991, 75.
  39. Franz Kafka: Zürauer Zettel. 106 Zettel auf Einzelblättern im Faksimile, Stromfeld Verlag, Frankfurt am Main, 2011. Kafka trifft hier Wilhelm Müller und Franz Schubert’s Winterreise. Siehe die letzte Strophe des Liedes Der Wegweiser: „Einen Weiser seh’ ich stehen/Unverrückt vor meinem Blick; /Eine Straße muss ich gehen, / Die noch keiner ging zurück“. Diese Strophe habe ich vor Jahren bei einem Vortrag über den Todestrieb verwendet, zu dem mich Eckhard Rhode nach Hamburg eingeladen hatte.
  40. Und nicht aus dem Fenster!

Literatur

Adorno, Theodor W. [1953]: Aufzeichnungen zu Kafka. In: Gesammelte Schriften, Bd. 10-1, Herausgegeben von Tiedemann, Rolf, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1997

Alt, Peter-André [2005]: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Beck Verlag, München

Born, J./ Heller, E. (Hrsg.) [1982]: Franz Kafka – Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M.

Born, J./ Müller, M. (Hrsg.) [1991]: Franz Kafka – Briefe an Milena. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt a.M.

Kafka, Franz [1919]: In der Strafkolonie, In: Sämtliche Erzählungen, Herausgegeben von Paul Raabe. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1970

Franz Kafka, Zürauer Zettel. 106 Zettel auf Einzelblättern im Faksimile, Stromfeld Verlag, Frankfurt am Main, 2011

Koch, Hans-Gerd (Hg.) [1990]: Franz Kafka. Kritische Ausgabe – Tagebücher, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.

Freud, Sigmund [1915]: Triebe und Triebschicksale, In: Gesammelte Werke (GW) X, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1969
—[1920]: Jenseits des Lustprinzips. In: Gesammelte Werke XIII, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1969

Lacan, Jacques [1964]: Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse. Texte établi par Jacques-Alain Miller, Éditions du Seuil, Paris, 1973.
—[1969-70]: Le Séminaire. Livre XVII. Texte établi par Jacques-Alain Miller, Éditions du Seuil, Paris, 1991
—[1971]: Lituraterre. In: Autres Écrits, Éditions du Seuil, Paris, 2000
—[1972-73]: Encore. Seminar XX, Herausgegeben von Jacques-Alain Miller. Éditions du Seuil, Paris, 1975

Stach, Reiner [1987]: Kafkas erotischer Mythos. Eine ästhetische Konstruktion des Weiblichen, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.
—[2008]: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.