Fabianische Methoden. Notizen zur Schachpartie Murphy – Endon in Samuel Becketts „Murphy“

von

1.

Dass Samuel Beckett ein begeisterter Schachspieler war, wissen wir. Sein Biograph James Knowlson listet in einer interessanten Fußnote einige von Becketts Schachbüchern auf.1 Avigdor Arikha hat ihn beim Schachspielen gezeichnet.2 Sein bekanntes Stück „Endspiel“ trägt den Namen eines Begriffs, der die Endphase einer Schachpartie bezeichnet.3 Und sein Roman „Murphy“, zwischen August 1935 und Juni 1936 geschrieben4, mit dem er seine Analyse bei W.R. Bion beenden wollte, trägt – mit dem Unterschied der Differenz, der Verschiebung eines Buchstabens – , im und als Titel den Nachnamen des Schachgenies Paul Morphy5, über den Ernest Jones 1930 einen lesenswerten Text geschrieben hat.6

Aber nicht nur das; auf den letzten dreißig Seiten seines Romans, einem nicht einfach zu lesenden und sich dem Leser auch immer wieder entziehenden und verschließenden Text, findet sich die Schachpartie: „Weiß (MURPHY) Schwarz (Mr. ENDON)“; sie ist dreiundvierzig Züge lang und enthält achtzehn Anmerkungen, die mit den Buchstaben „a“ bis „r“ versehen sind. Sie nimmt in Becketts Buch drei Seiten ein.7 Beckett wünschte sich zudem – leider vergebens – auf den Umschlag von „Murphy“ eine Abbildung, die zwei Affen am Schachbrett zeigt, mehr und weniger in ein Spiel mit den Figuren vertieft.8

Da das Schachspiel, das Schachspielen9, genügend symbolische, imaginäre und reale Kräfte eines Subjekts mobilisieren kann, sowohl für als auch gegen es, ihm sowohl Zuflucht als auch Labyrinth, Lösung als auch Verstrickung im Daseinskampf sein kann und ist, ist es wertvoll10 und komplex genug, im Sinne der Psychoanalyse von Sigmund Freud und Jacques Lacan untersucht zu werden. Ich werde Ihnen hier nur einige Züge der von Samuel Beckett komponierten11 Schachpartie kommentieren; mit „Zügen“ bezeichne ich hier nicht nur die einzelnen, aufeinander folgenden Spielzüge der Partie, sondern auch die Merkmale der Partie, das, was für diese eine signifikant ist.

 

2.

Signifikant für diese Partie ist zum einen, dass – bis zu ihrem Ende – nicht eine der Spielfiguren geschlagen worden ist. Selbst, wenn sich Figuren, und selbst die wertvollsten, warum auch immer in eine Position manövriert haben, in der sie sofort und ohne Nachteil dessen, der am Zug ist, geschlagen werden könnten (nach dem 27. Zug von Weiß), passiert genau diese Aktion nicht. Dabei ist es doch das Ziel jeder Schachpartie, durch solche Aktionen einen Vorteil zu erzielen, dem Gegner damit zu schaden und ihn zur Aufgabe zu zwingen! Nichts von alledem passiert. Könnte es sein, dass der Spieler mit den schwarzen Steinen, (Mr. Endon), genau dies nicht tun will? Und wenn dem so sein sollte: warum ? Es sieht in jedem Fall im Verlauf dieser Partie mehrmals so aus, als würde er sich weigern, in eine Position zu geraten, die ihm Vorteil bietet; und er verspielt darüber hinaus mehr als einmal die Chance, diese Partie schnell und auf direktem Wege durch einen spielentscheidenden Zug zu gewinnen.

 

3.

Weiter: diese denkwürdige Partie beginnt mit dem merkwürdigen Zug, dass nach dem neunten Zug des Weißen genau die gleiche Position auf dem Brett entstanden ist wie nach dem ersten Zug des Weißen. Alle Züge – bis auf den ersten Zug des Weißen, der, da er ein Bauernzug war, nicht rückgängig gemacht werden konnte, und wahrscheinlich deshalb von Beckett im Kommentar zur Partie mit der Bemerkung „Die Ursache aller Schwierigkeiten des Weißen“12 versehen wurde –, alle Züge wurden also wieder rückgängig gemacht; die Position stellt sich so dar, als sei bisher auf dem Spielfeld – außer dem ersten Zug des Weißen – nichts geschehen. Acht Züge lang wurde von beiden Seiten nur hin und her manövriert, versuchten beide Spieler auch, die jeweiligen Züge des anderen auf dem Schachbrett wie im Spiegel nachzuäffen, anscheinend mit der bewussten Absicht, nach einigen Zügen wieder an den Anfang dieser Partie zu gelangen. Dieser merkwürdige Zug dieser Schachpartie, der jeder „normalen“ Schachstrategie und Schachtaktik Hohn spricht, stellt den Leser und den Schachspieler vor Rätsel. Dergleichen passiert aber in dieser Partie.

 

4.

Überhaupt fehlt dieser Partie – in ihrem Verlauf auch nach dem neunten Zug des Weißen – jeder Elan, jede Energie, einen Vorstoß in das gegnerische Lager zu unternehmen. Es herrscht eine Passivität, so als wolle man es regelrecht vermeiden, dem Gegner zu schaden, ihm wehe zu tun, ja, ihn überhaupt nur unter Druck zu setzen. Es stehen sich zwei geschlossene Formationen gegenüber, die sich weigern, sich zu berühren, sich in- und miteinander zu vermischen, zu verzahnen, zu begegnen. Auch jeder Figurentausch wird vermieden, auch jedes Figurenopfer. Alles scheint in dem erstarrt zu sein, was Beckett in der vierten Anmerkung zur Partie (zum achten Zug von Schwarz) den „Anlauf“13 nennt. Alles scheint in einer Vorbereitung zu einer Aktion begriffen zu sein, nur findet diese nicht statt. Es wird abgewartet. Züge finden zwar statt, aber ob und wenn ja, welchem Ziel sie dienen, zeigt sich­­ demjenigen, der diese Partie nachspielt, zunächst einmal nicht deutlich. Es ist ein wenig so, als werde Schach gespielt, aber dieser Form des Schachspielens fehlen mindestens zwei signifikante Züge des Schachspielens: Aggressivität  ̶  und der Wille zu siegen.14 „Was ist das?“, was beide Spieler da spielen, lässt sich fragen, Schach? Oder etwas ganz anderes?

 

5.

Weiter: Vorteile werden nicht genutzt, bzw. einfach am Wegrand dieser Partie liegengelassen oder vergessen oder gar nicht gesehen. „Vorzüglich gespielt“15: dieser Kommentar zielt auf einen beim besten Willen nicht als spielentscheidend zu bezeichnenden Zug des Schwarzen. Auch der Kommentator passt sich also dem paradoxen Spielgeschehen an. Nichts bedeutet hier also etwas; oder werden keine Folgen aus dem bisher Geschehenen gezogen? Alle schwarzen Steine – ohne die Bauern, die nicht rückwärts ziehen können – haben sich nach dem siebenundzwanzigsten Zug wieder auf die letzte (achte) Reihe des Schachbrettes zurückgezogen. Anstatt dass Schwarz in diesem siebenundzwanzigsten Zug die Entscheidung trifft, eine Dame (s.u.) und damit das Spiel zu gewinnen, was leicht möglich war, wird die Entscheidung getroffen, alle Figuren – bis auf die Bauern – auf die achte Reihe zurück zu ziehen. Also: Passivität pur. Bewegungslosigkeit. Erstarrung. Und damit wieder: zurück zum Anfang. Die Figuren versuchen so, sich unangreifbar zu machen, ziehen sich zumindest extrem zurück, igeln sich ein. Beckett kommentiert diese Situation in der elften Anmerkung paradox und deshalb treffend so: „Die Schwarzen haben nun ein unwiderstehliches Spiel“.16 Denn: wie kann, wie soll der Spieler mit den weißen Steinen dieser unwiderstehlichen Einigelung von Schwarz begegnen? Mit welchen Zügen kann er dem Spiel dieses Bartleby17 antworten?

 

6.

Zwischenbemerkung: kann es also eine „Destruktivität“ – wenn man diesen Begriff ins Spiel bringen will – geben, die darin besteht, abzuwarten, nicht zu tun, nichts zu tun, sich nicht bewegen zu können, sich nicht mehr bewegen zu wollen? Oder: wenn ja, in einem immer enger werdenden Spielraum? Interessant ist, dass „Destruktivität“ im Zusammenhang dieser Schachpartie nicht die Züge von „Vernichtung“ annimmt. Im Gegenteil. Alles bleibt heil, bleibt ganz, bleibt vollständig, keine Figur wird getauscht, alles bleibt möglichst unberührt. (Siehe Absatz 4.) Das Spiel von Schwarz hat Züge davon, als würde es ersticken, und als würde es sich immer bewegungsloser machen wollen. Gibt es Spielbewegungen, so führen sie anscheinend und zunächst erst einmal zu keinem Ziel, und bedeuten in diesem Sinne nicht und auch nichts oder etwas gänzlich anderes, das von dem, was man sich normalerweise unter einer „Bedeutung“ vorstellt, vollständig abweicht.18 Bedeuten sie also doch etwas? Was? Ein Warten? Ja, aber nicht nur das. Aber wenn nicht warten, dann was? Unbeweglichkeit? Gehen Unbeweglichkeit19 und Warten ineinander auf? Oder auch nicht?

 

7.

Weiter: oder passiert das, was passiert, nach der Logik eines Opfers? Weiß bietet ja zwei wertvolle Figuren zum Opfer an, nach wie vor die Dame (s.o., 27. Zug), dazu noch einen Läufer (29. Zug). Aber dieses Opfer nimmt Schwarz gar nicht an. Er kümmert sich überhaupt nicht darum, und ein Opfer wird es im Zusammenhang des Spiels ja auch erst in dem Moment, in dem Schwarz es annimmt! Weiß bietet aber eine weitere Figur zum Opfer an, einen Springer (30. Zug). Keine gezielte Reaktion darauf von Schwarz.

Im Gegenteil! Schwarz macht nur einen eher müden Königszug (30. Zug), und Beckett merkt zu diesem Zug an: “In diesem Moment stülpt Mr. Endon, ohne überhaupt ‚ j’adoube’ zu sagen, seinen König und den Turm seiner Dame um, um für den Rest des Spiels diese Stellung beizubehalten.“20 „J’adoube“ sagt aber ein Spieler nur dann, wenn er einen Spielstein berührt hat, ohne ihn ziehen zu wollen; er will ihn z.B. nur auf dem Feld, auf dem er steht, zurecht rücken. Den König und den Turm seiner Dame umstülpen – was bedeutet das? Der König kann nicht auf dem Kopf stehen, der Turm ja. Was will Beckett hier andeuten? Verlieren die Spielsteine mit diesem Umstülpen ihren Wert als Spielsteine? Spielen sie also nicht mehr mit? Oder sollen sie – wie in manchen Symbolnotationen im Problemschach – zu einer Figur mit mehreren Funktionen (erlaubten Möglichkeiten zu ziehen) im Spiel umgewandelt werden?

Becketts Anmerkung erinnert aber an einen Satz aus Büchners „Lenz“: „[…] nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“21 Haben wir es hier mit einer Schachpartie zu tun, die in gewissem Sinne „auf dem Kopf geht“? Mit einer Umkehrung aller Werte und Normen? Es ist ein merkwürdiges Bild, wenn man die Spielsteine so, wie die Anmerkung des Autors es fordert, auf das Brett legt. Es erinnert zum einen an die normale Geste eines Schachspielers, zum Zeichen der Aufgabe den König umzukippen und so auf das Brett zu legen. Beckett schreibt aber vom „Umstülpen“22 von zwei Figuren, und dass sie danach weiter am Spiel teilnehmen. Zumindest sollen sie „[…]für den Rest des Spiels diese Stellung beibehalten.“23 An ein geordnetes Weiterspielen im Sinne der Schachregeln ist aber spätestens seit dieser Bemerkung des Kommentators dieser Partie nicht mehr zu denken. Die Partie scheint sich ab jetzt eher selbst zu zersetzen, sich langsam aufzulösen, eine „Skulptur“24 zu sein, die sich selbst zerstört. Trotzdem geht diese Schachpartie noch dreizehn Züge weiter. Vielleicht wollen sich die umgestülpten Figuren ja auch nur vom Spiel und während des Spiels ausruhen. Oder sie streiken.25 Machen sich unbenutzbar so, unbrauchbar. Auch ein Zeichen von Rebellion, dies. Wir wissen es noch nicht genauer.

 

8.

Weiß beginnt nun mit einer sehr ungewöhnlichen Aktion: bei vollbesetztem Brett allein mit seinem König in die gegnerische Hälfte zu marschieren (34. und 35. Zug). Normalerweise passiert eine solche Aktion erst im Endspiel einer Partie und auf einem wesentlich leereren Schachbrett. Aber – in gewissem Sinne – befinden wir uns bereits im Endspiel dieser Partie. Diese Aktion von Weiß mutet sehr eigenwillig an und ist überdies für den weißen König sehr gefährlich. Aber das interessiert Schwarz wenig. Er schlägt sowohl die weiße Dame als auch den weißen Springer nicht, nimmt also das Opferangebot von Weiß weiterhin nicht an, sondern verbarrikadiert sich stur auf den letzten drei Reihen (sechste bis achte) des Spielfelds. Überhaupt hat Schwarz im Verlaufe der ganzen Partie nur ein einziges Mal, mit seinem vierten Zug, die sechste Reihe auf dem Schachbrett überschritten in Richtung der weißen Steine! Nach wie vor versucht er, seine Figuren so zu stellen, dass er wieder mit ihnen zurückkehren kann in die Ausgangsstellung vor seinem ersten Zug. Und genau das passiert – fast.

Denn als Weiß nach dem dreiundvierzigsten Zug des Schwarzen aufgibt, kann Schwarz, sofern Weiß seine Dame von der offenen Linie a4 – f8 entfernen wird, im nächsten Zug seinen König wieder in seine Ausgangsstellung platzieren und hat seine Figuren damit so angeordnet, wie sie vor dem ersten Zug standen. Nur beide Mittelbauern des Schwarzen haben irreversibel einen Zug, jeweils nur einen Schritt (e7 – e6 im 9. Zug, d7 – d6 im 13. Zug) gemacht. Das Motiv seiner ersten acht Züge, immer nur so zu ziehen, dass möglichst alle seine Züge wieder rückgängig zu machen sind, hat Schwarz insgesamt durch alle dreiundvierzig Züge dieser Partie – mit der Ausnahme von zwei einfachen Bauernzügen – durchgehalten. Davor muss Weiß (Murphy) kapitulieren, und Beckett kommentiert: „Es wäre vermessen und ärgerlich, noch beharren zu wollen, und Murphy gibt auf.“26 Gegen diesen Plan, der den anderen (Weiß) konsequent aus dem Spiel ausschließt, gar nicht ins Spiel kommen lässt, hat Weiß hier keine Mittel mehr; Schwarz würde ihn nur endlos weiter so an der Nase herumführen. Zwei können nicht miteinander spielen, wenn einer permanent nicht mitspielen will. Und Schach ist ein Spiel, das – im Sinne einer Struktur – zu zweit gespielt wird.

 

9.

In welchem Sinne ließe sich nun ein Begriff der „Destruktivität“ auf die von Samuel Beckett sehr genau komponierte Schachpartie beziehen?

Destruktiv ist die Spielführung von Schwarz ganz deutlich darin, dass sie Weiß überhaupt nicht ins Spiel kommen lässt. Sie zerstört nicht das Spiel des Weißen, sondern Schwarz spielt in gewissem Sinne überhaupt nicht mit, spielt ein anderes, ein eigenes, sein einzelnes Spiel. Er weigert sich in gewissem Sinne, überhaupt einen Zug zu machen; da er aber – im Rahmen dieses Spiels – ziehen muss, und das scheint er zu wissen, dass er ziehen muss, entscheidet er sich, so zu ziehen, dass alle seine Züge wieder rückgängig gemacht werden können. Obwohl also Züge gezogen worden sind, sind sie letztendlich also nicht gezogen worden. Das ist sein Spiel, das ist seine Strategie und seine Taktik, und, so schädlich und entnervend sie für den anderen Spieler sein kann und auch ist, für den Spieler mit den schwarzen Steinen geht sie – im Rahmen dieses Spieles – auf.

 

10.

Beckett komponierte diese Schachpartie jedoch so, – dies ebenfalls ein signifikanter Zug in diesem Spiel –, dass Weiß nicht mit allerletzter Entschlossenheit gegen diese Strategie des Spielers mit den schwarzen Figuren vorgeht. Er demaskiert sie eher. Weiß versucht zunächst alles Mögliche, dieser Taktik zu begegnen; er spielt zunächst einmal mit, lässt sich auf eine Art Spiegelbeziehung des Aufbaues der Positionen ein – bis zum neunten Zug; danach bietet er Opfer an (27., 29. und 30. Zug), macht im Rahmen einer Schachpartie äußerst ungewöhnliche Züge, um Schwarz damit aus der Reserve zu locken – ; all das prallt jedoch an dem Plan des Schwarzen ab.

Weiß vermeidet es aber weiterhin bewusst, Schwarz brutal unter Druck zu setzen; er bricht nicht in die schwarze Stellung ein, zerstört sie nicht mit gewalttätigen Figurenopfern, sondern spielt das Spiel des Schwarzen zumindest so lange mit, bis sich herausstellt, was dessen Plan ist: gar nicht mitzuspielen. Anders formuliert: er spielt die Partie mit, um sie nicht mitzuspielen. Und: er spielt die Partie nicht mit, nur so kann er sie spielen. Genau an dieser Stelle beendet Weiß die Partie. Warum, ist nicht endgültig zu klären, der Zeitpunkt dafür ist aber signifikant. Denn: wahrscheinlich hätte diese für Weiß auch zermürbende Partie wirklich sehr sehr lange so weiter gehen können; wir erinnern uns: nach dem achten Zug hatte Schwarz erst nur einen nicht wieder rückgängig gemachten Zug gespielt; nun, nach dreiundvierzig Zügen, insgesamt erst den zweiten. Also: Schnitt!

 

11.

Beckett geht in seiner Komposition der Partie analytisch vor. Obwohl Weiß am Ende dieser Partie diese Partie aufgibt, hat er durch seine Züge den Plan des Spielers mit den schwarzen Steinen aufdecken können; dieser lässt sich wie folgt zusammenfassen:

1.) Jeder Zug seines Spiels soll möglichst wieder rückgängig gemacht werden können.

2.) Jeder Zug seines Spiels soll möglichst dazu dienen, die Ausgangsstellung des Spiels wieder zu erreichen.

3.) Alles, was diesem Plan (1. und 2.) entgegensteht, muss unverzüglich verhindert werden.

4.) Wenn eine Partie dadurch (1. – 3.) lange Zeiträume in Anspruch nimmt, passiert das nicht zu seinem Nachteil.27, passiert das nicht zu seinem Nachteil.28

Weiß hat Schwarz seine Partie spielen lassen, und uns, den Lesern von Becketts Komposition, damit ein großes Vergnügen bereitet. Er hat aber Schwarz – ­der seinen Spielplan zielstrebig und in diesem Sinne offensiv29 verfolgt, so defensiv, ja: destruktiv die Spielzüge auf dem Brett auch wirken und sind – ; er hat aber Schwarz nicht nur seine Partie spielen lassen, sondern erst durch seine Züge haben die von Schwarz ihren Sinn und ihre Bedeutung bekommen.

Becketts Komposition ist subversiv in der Demaskierung – und damit auch: Bestimmung! – des Plans von Schwarz (Endon); und Weiß (Murphy) ist seine Strategie und seine Taktik nicht vorzuwerfen, denn: was kann er angesichts der destruktiven Haltung von Schwarz anderes unternehmen, wenn er weiter im Spiel bleiben will, und auch nicht einfach nur demolierend und vernichtend die Position von Schwarz zerstören will? Er muss weiter mitspielen! Er kann die Absichten, die Strategie und Taktik von Endons Kalkül nur im Spiel selbst versuchen zu entschlüsseln, er muss dafür, so lange das dauert, im Spiel bleiben, und damit muss er sich begnügen.

 

12.

Dass Weiß diese Partie beizeiten aufgibt, ist ihm nicht vorzuwerfen, denn, zum einen: endloses Beharren wäre – mit Becketts Worten – „vermessen und ärgerlich“30; zum anderen: Sieg und Niederlage haben hier eine andere Bedeutung als sie es gewöhnlich im Schach haben. Mit der Entschlüsselung der Strategie des Schwarzen hat sich seine Aufgabe in dieser Partie erst einmal erfüllt. Mehr geht erst einmal nicht. Es geht ja auch eher um ein „weniger machen“ in dieser Partie als um ein „mehr“. Beckett wusste davon, denn er kommentiert bereits den fünften Zug von Weiß wie folgt: „Offenbar nichts Besseres, so schlecht es ist.“31

 

 

Fußnoten

  1. James Knowlson [2001]: Samuel Beckett – eine Biographie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1017.
  2. Arikha, Avigdor: Samuel Beckett jouant aux échecs avec Noga, 20. Octobre 1980, abgedruckt in: Ausst. Kat. Avigdor Arikha: Paris sur le vif, encres et dessins, Palais des Beaux Arts, Lille, Frankreich, 12. Juni – 12. September 1999, Editions de la Réunion des musées nationaux, 45.
  3. Dass sich in Becketts Bibliothek ein Schachbuch befand, das sich mit den sog. „Endspielen“ befasste, dazu siehe Knowlson, James [2001]: Samuel Beckett – eine Biographie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1017. Es sind die „150 Endspielstudien“ von Henri Rinck [1909]: „150 Fin de partie“, Veit Verlag, Leipzig.
  4. „Zeittafel 1935“ und „Zeittafel 1936“ in: Craig, G./ Dow Fehsenfeld, M./ Gunn, D./ More Overbeck, L. (Hrsg.) [2013]: Samuel Beckett. Weitermachen ist mehr, als ich tun kann – Briefe 1929 – 1940, Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M., 313 und 365.
  5. Paul Morphys Großvater Michael war irischer Abstammung und schrieb sich „Murphy“. Als er 1753 die spanische Staatsbürgerschaft annahm, änderte er den Nachnamen in „Morphy“. Paul Morphy wurde 1837 in New Orleans geboren und starb 1884 dort.
  6. Jones, Ernest [1930]: Das Problem Paul Morphy, ein Beitrag zur Psychoanalyse des Schachspiels, In: Ernest Jones [1978]: Die Theorie der Symbolik und andere Aufsätze, Ullstein Verlag, Frankfurt a.M. – Berlin – Wien, 216-242.
  7. Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992, 190-192. Hier die Partie zum Nachspielen und -prüfen: Weiß (MURPPHY) Schwarz (Mr. ENDON). 1. e4 Sh6 2. Sh3 Tg8 3. Tg1 Sc6 4. Sc3 Se5 5. Sd5 Th8 6. Th1 Sc6 7. Sc3 Sg8 8. Sb1 Sb8 9. Sg1 e6 10. g3 Se7 11. Se2 Sg6 12. g4 Le7 13. Sg3 d6 14. Le2 Dd7 15. d3 Kd8 16. Dd2 De8 17. Kd1 Sd7 18. Sc3 Tb8 19. Tb1 Sb6 20. Sa4 Ld7 21. b3 Tg8 22. Tg1 Kc8 23. Lb2 Df8 24. Kc1 Le8 25. Lc3 Sh8 26. b4 Ld8 27. Dh6 Sa8 28. Df6 Sg6 29. Le5 Le7 30. Sc5 Kd8 31. Sh1 Ld7 32. Kb2 Th8 33. Kb3 Lc8 34. Ka4 De8 35. Ka5 Sb6 36. Lf4 Sd7 37. Dc3 Ta8 38. Sa6 Lf8 39. Kb5 Se7 40. Ka5 Sb8 41. Dc6 Sg8 42. Kb5 Ke7 43. Ka5 Dd8 Und Weiß gibt auf. – Es ist interessant – und in gewissem Sinne zu vergleichen mit dem Begreifen der Lacan‘schen Knotentheorie – , dass – es sei denn, man ist ein geübter Spieler im Blindspielen – , die einzelnen Züge auf dem Schachbrett auch wirklich Zug für Zug nachgespielt werden müssen, um sich einen Begriff vom Spielgeschehen machen zu können.
  8. Rathjen, Friedhelm [2006]: Samuel Beckett, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 51. Ich gehe nicht davon aus, dass Samuel Beckett mit dieser Abbildung auf dem Buchumschlag auf die sog. „Orang-Utang-Eröffnung“ (1.b2 – b4) hinweisen wollte.
  9. wie das Klavierspielen?
  10. Sigmund Freud nannte das Schachspiel „edel“. Freud, Sigmund [1913]: Zur Einleitung der Behandlung, In: Gesammelte Werke Bd. VIII, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1999, 454.
  11. Mir ist nicht bekannt, dass genau diese Partie schon einmal gespielt worden ist. Deshalb nenne ich sie – wie immer auch vorläufig – eine Komposition Becketts.
  12. Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992, 191.
  13. Ebd. 192.
  14. „Schach ist ein Kampf, und nur ein Sieg zählt.“; so der dreizehnjährige Bobby Fischer. In: Brady, Frank [2012]: Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer, Riva Verlag, München, 67. Oder: „Hans, Sie werden nie ein guter Spieler sein, weil Sie nicht kompetetiv genug sind. Sie müssen den Wunsch haben, Ihren Gegner zu zermalmen, zu töten.“ (Duchamp in einer Pause nach einer Partie zu Richter. Siehe: Cleve Gray, Art in America, 7/1969. In: Strouhal, Ernst [1994]: Duchamps Spiel, Sonderzahl Verlag, Wien, 95.
  15. Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992, 192.
  16. Ebd.
  17. Der gute Hinweis auf Herman Melvilles „Bartleby the Scrivener“ kommt von Franz Kaltenbeck. (Sitzung vom 18. September 2015).
  18. Davon, dass „[…] die Schizophrenen doch kaum unsere Bedeutungen[…] teilen?“ hat Franz Kaltenbeck in seinem Text „Sesselschlingen“ geschrieben. Dieser Text liegt mir nur als Abschrift vor. Siehe auch: Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992, 139-140: „Für ihn (Murphy) würde hinfort Gas Chaos und Chaos Gas sein“. Sowie: „[…]es war seine Bedeutung.“ (Ebd. 145).
  19. „Unbeweglichkeit warf man uns vor und das Verpassen der Rebellion draußen auf den Pflasterstränden; aber unsere Unbeweglichkeit war ja die Rebellion, und die Pflasterstrände liegen heute noch da.“ In: Fauser, Jörg [2014]: Marlon Brando – Der versilberte Rebell, eine Biographie; Alexander Verlag, Berlin, 34.
  20. Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992, 192.
  21. Büchner, Georg [1835]: Lenz, In: Werke und Briefe, Münchner Ausgabe Herausgegeben von Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm und Edda Ziegler, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997, 137.
  22. Im Original: “[…] turned his King and Queen’s Rook upside down […]”. (Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Faber und Faber Verlag, London 2009, 153). “to turn upside down”: umkippen, überschlagen, auf den Kopf stellen.
  23. Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992,192.
  24. Zum Zusammenhang von Schachspiel und Skulptur im Denken und in den Werken Marcel Duchamps siehe Strouhal, Ernst [1994]: Duchamps Spiel, Sonderzahl Verlag, Wien, 95. Es gibt mehrere Bemerkungen von Duchamp dazu.
  25. Beckett schreibt von dem „[…]langen Streik seines [Murphys] Lebens.“ In: Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992, 146.
  26. Ebd. 192.
  27. Die Zeit spielt in den Partien Murphy – Endon eine andere Rolle als in einer „normalen“ Turnierpartie, denn beide Spieler benutzen keine Schachuhr. Eine Partie zwischen Murphy und Endon kann, schreibt Beckett, „[…]acht oder neun Stunden[…]“ (Ebd. 149) dauern. Zum Rhythmus des Ziehens der Züge in einer Partie, der von Murphys Rundgängen im Spital sowie seiner jeweils auf einen Rundgang folgenden Pause in Mr. Endons Zelle, in der die Partie stattfindet, bestimmt wird, siehe Ebd. 189-190. Die Funktion der Zeit in der Partie Murphy – Endon ist aber durch die Angabe der reinen Spieldauer einer Partie klar unterbestimmt.
  28. Ob und inwieweit sich diese Strategie des Mr. Endon mit einem unbewussten Wunsch oder der plötzlichen Erkenntnis eines Subjekts decken kann, gar nicht geboren worden zu sein, obwohl es bereits geboren worden ist, kann Gegenstand eines anderen Textes sein bzw. werden. In seiner Beckett-Biographie zitiert Friedhelm Rathjen aus den „Gesprächen mit Samuel Beckett“ von Charles Juliet Becketts Satz: „Ich hatte immer das Gefühl, als wäre auch ich nie geboren worden.“, den Beckett auf eine im Oktober 1935 gemeinsam mit W.R. Bion in London gehörte Vorlesung von C.G. Jung bezieht. (Rathjen, Friedhelm [2006]: Samuel Beckett, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 53).
  29. Beckett nennt das Spiel ja auch – nicht nur spöttisch – „eine Endons Offensive“ (Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992, 190.
  30. Ebd. 192.
  31. Ebd. Samuel Beckett hat die Begleitumstände des Schachspielens zwischen Murphy und Mr. Endon auf den Seiten 148-149, 189-190 und auf Seite 193 beschrieben, und für Spielanlage, Strategie und Taktik beider Spieler den einleuchtenden Begriff „fabianische Methoden, die beide anwandten […]“ (Ebd.149) gefunden. Im Original: “[…] the very Fabian Methods that both adopted.“ (Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Faber und Faber Verlag, London 2009, 117). Beckett erklärt den Begriff „fabianische Methoden“ nicht weiter, denn das, was im Falle seiner Komposition Mr. Endon, zum Teil auch Murphy als Schachspiel und im Schachspielen praktizieren, das sind fabianische Methoden. Inwieweit dieser bisher eher im Feld des Politischen gebrauchte Begriff für Theorie und Praxis einer sich grundlegend auf Freud und Lacan beziehenden Psychoanalyse, für die Arbeit des Analytikers und des Analysanten von Nutzen sein kann, kann weiter untersucht werden.

    Dieser Text kann auch als eine Art Fortsetzung, eine Folge meines Textes „Winchester“ (2014, bisher unveröffentlicht) gelesen werden.

Literatur

Arikha, Avigdor [1980]: Samuel Becket jouant aux échecs avec Noga, 20. Octobre 1980, abgedruckt in: Ausst. Kat. Avigdor Arikha: Paris sur le vif, encres et dessins, Palais des Beaux Arts, Lille, Frankreich, 12. Juni – 12. September 1999, Editions de la Réunion des musées nationaux, 1999

Beckett, Samuel [1938]: Murphy, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1992

Brady, Frank [2012]: Endspiel – Genie und Wahnsinn im Leben der Schachlegende Bobby Fischer, Riva Verlag, München

Büchner, Georg [1835]: Lenz. In: Werke und Briefe, Münchner Ausgabe Herausgegeben von Karl Pörnbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm und Edda Ziegler, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997

Craig, G./ Dow Fehsenfeld, M./ Gunn, D./ More Overbeck, L. (Hrsg.) [2013]: Samuel Beckett. Weitermachen ist mehr, als ich tun kann – Briefe 1929 – 1940, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.

Jones, Ernest [1930]: Das Problem Paul Morphy, ein Beitrag zur Psychoanalyse des Schachspiels. In: Ernest Jones [1978]: Die Theorie der Symbolik und andere Aufsätze, Ullstein Verlag, Frankfurt a.M. – Berlin – Wien, 216-242

Freud, Sigmund [1913]: Zur Einleitung der Behandlung. In: Gesammelte Werke Bd. VIII, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1999

Knowlson, James [2001]: Samuel Beckett – eine Biographie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.

Rathjen, Friedhelm [2006]: Samuel Beckett, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Strouhal, Ernst [1994]: Duchamps Spiel, Sonderzahl Verlag, Wien