Editorial

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Die erste elektronische Ausgabe von Y wird die im Laufe der Geschichte der Psychoanalyse immer wieder leidenschaftlich diskutierten Fragen um Todestrieb und Destruktivität aufgreifen. Die Beiträge dieser Nummer zeigen dabei auf verschiedene Weise, wie die Zerstörung im Zentrum des Lebens selber wirkt, womit der Freudsche Gedanke der Triebmischung besonderes Gewicht erhält. Ohne Entbindung sind dem Subjekt keine neuen Bindungen möglich.

Diesen Gedanken findet wir bereits im ersten Beitrag dieses Heftes, in dem Birgit Meyer zum Wischen in die Komplexität des Freudschen Todestriebkonzeptes einführt. Sie macht deutlich, dass trotz der dem Todestrieb inhärenten Gewalt gerade erst dieser den Eros als seinseröffnendes Moment begründet und so der Todestrieb im Dienste der Lebenstriebe wirkt. Über die theoretische Auseinandersetzung mit dem logischen Primat des Todestriebes hinaus weist Birgit Meyer zum Wischen auf die klinische Relevanz dieser Idee  hin, da sie ermöglicht, eine Lockerung der Identifikationen des Subjekts in der Kur zu konzeptualisieren. Das betrifft „Verklebungen“ aller Art, auch im kollektiven Bereich.
War Birgit Meyer zum Wischens Ausgangspunkt der Freudsche Text „Jenseits des Lustprinzips“, so finden wir in der folgenden Arbeit von Mai Wegener „Das bleierne Kästchen“ ebenfalls eine genaue Lektüre einer Schrift Freuds, hier von „Das Motiv der Kästchenwahl.“ Mai Wegener schlägt den Bogen zur Lacanschen Differenzierung von Realem, Symbolischem und Imaginärem und bringt so Tod und Todestrieb mit dem Realen, einer Lücke im Psychischem, in Verbindung. Hier ist auch Lacans These, dass es kein logifizierbares Geschlechterverhältnis gibt, zu verorten.
In Edith Seiferts Beitrag über das Nichtverstehen, den Todestrieb und andere Todesmomente in der Analyse lässt sich eben diese Nähe von Realem, Tod und Todestrieb im Kontext ihrer eigenen subjektiven Theoriegeschichte und klinischen Erfahrung wieder entdecken. Über die klassische Lacansche Signifikantentheorie hinausgehend fragt sie nach dem Platz des Nicht-Sagbaren und Sinn-losen in der Kur (der Lücke im Psychischen, von der Mai Wegener spricht; auch auch dem, was die Identifikationen auflöst, auf das Birgit Meyer zum Wischen hinweist). Edith Seifert stellt die für die weitere psychoanalytische Arbeit entscheidende Frage, wie es zu einem Umgang mit dem nicht Symbolisierbaren in der Kur kommen kann, der ein ritualisiertes Schweigen angesichts des Unsagbaren übersteigt.
Die folgenden Aufsätze des Bandes widmen sich literarischen Werken und ihrem Bezug zum Todestrieb. In „Ein Schreiben jenseits des Gesetzes. Das Geschick des Buchstabens und die Krankheit Tod“ geht Michael Meyer zum Wischen auf die Entstehungsgeschichte und intertextuellen Bezüge des Textes „Die Krankheit Tod“ von Marguerite Duras ein. Er zeigt, dass das Schreiben für diese Dichterin eine Möglichkeit bot, den Todestrieb zu sublimieren und untersucht, wie es zur Transformation eines zerstörerischen Genießens werden konnte. Dabei geht es sowohl um die potentiell destruktiven Folgen der Kluft im Geschlechterverhältniss, aber auch um die traumatische Dimension der konkreten historischen Situation, aus der heraus das Werk entstand (besonders die Konsequenzen der Shoah für Marguerite Duras).
In „Kafkas Folter“ geht Franz Kaltenbeck dem quälerischen Aspekt der Liebe bei Kafka nach und zeigt, wie sich diese Qual in seinem Schreiben finden lässt. Franz Kaltenbeck zitiert den Dichter, wenn dieser an Milena schreibt: „Liebe ist, dass Du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle“, und macht in seinem Aufsatz deutlich, wie diese geradezu zerfleischende Liebe zum Medium seines Schreibens werden konnte und eben darin sublimiert wurde.
In „Schreiben, um erneut das Wort zu ergreifen“ widmet sich Michèle Jung dem Schreiben Heinrich von Kleists. Es wird als eine Möglichkeit der Wiederherstellung von Sprache gedeutet, einer Bewahrung mit den Mitteln kalkulierter Auslöschung, die eine Wiederaufnahme des Sprechens erlaubt. Auch in diesem Text taucht die Verschränkung von Lebens- und Todestrieben auf und wird direkt auf den Schreibprozess bezogen.
Eckhard Rhode führt uns in eine Lektüre von Becketts „Murphy“ ein. In „Fabianische Methoden“ geht er der Frage nach, wie sich in einer Textpassage über ein Schachspiel Destruktivität nicht in Vernichtung zeigt, sondern in Stillstand, Verengung des Spielraums, Bewegungslosigkeit und Erstickung.
Martin Seidenticker nähert sich der Destruktivität von der Philosophie. In „Destruktivität. Leidenschaft und Vernunft. Notizen zu Sade mit Bataille.“ wird die Frage nach der Destruktivität der Entfesselung der Leidenschaften gestellt, wie sie de Sade propagierte und mit der psychoanalytischen Ethik des Begehrens bei Lacan kontrastiert. Inwieweit kann das Sprechen, gerade auch in der Kur, einer solchen Entfesselung etwas entgegensetzen?
Dass Destruktivität nicht mit dem Bösen gleichgesetzt werden kann, macht Thanos Lipowatz mit einem philosophischen Spannungsbogen deutlich, der von der Gnosis der Spätantike bis zur Spätmoderne reicht. In  seinem Text „Wahn, Tod und Teufel“  findet sich die Idee, dass das Böse unserer Zeit sich bei denen finden lässt, die sich weder mit sich selbst unterhalten können, noch in der Lage sind, sich zu erinnern. Der Bezug zur eigenen Subjektivität und die Fähigkeit zur Erinnerung sind allerdings auch Momente einer psychoanalytischen Ethik. Thanos Lipowatz kann sich in vielem auf Hannah Arendt stützen, was dazu ermuntern kann, ihr Denken auch psychoanalytisch stärker zu würdigen.
Wir veröffentlichen auch einen Brief von Nazir Hamad an einen deutschen Freund, der angesichts der ersten Entwicklungen der sogenannten „Flüchtlingskrise“ entstand und die Frage danach aufwirft, was Angst und Hass in einer paranoid aufgeladenen politischen Situation entgegen gesetzt werden kann. Ob Hamads positive Einschätzung der Position der deutschen Kanzlerin auch nach den späteren Entwicklungen gehalten werden könnte?
Barbara Buhl weist mit „24 Stunden“ auf einen sehr direkten und provokanten Film über eine Spätabtreibung hin. Da der Film stilistisch die Grenzen von Fiktion und Realität durchbricht wird der Zuschauer selbst in das Gewaltsame des gezeigten Geschehens hineingezogen. Das Medium Film zeigt sich hier sowohl als Möglichkeit der Verarbeitung von Gewalt, wie zugleich auch selbst in seiner ihm eigenen Gewalt.

 

Literatur