Konzeption und Selbstverständnis

Offenkundiger noch als bei Freud ist bei Lacan Psychoanalyse am Sprechen und an der Sprache orientiert. Das zeigt sich in der Signifikantentheorie der sechziger Jahre, die impliziert, dass das Sprechen den Absichten und dem Wollen der Subjekte nicht nur nicht gehorcht, sondern im Gegenteil eine von ihm unabhängig existierende, autonome Dimension darstellt, der die Subjekte unterworfen sind. Deutlich wird das außerdem da, wo in der letzten Phase seiner theoretischen Ausarbeitung Lacan die Bedeutung des Sprechens für das psychische Register über die Signifikanten hinaus auf den konkreten Buchstaben hin erweitert und diesen als Objekt des Genießens und Begehrens in Anschlag bringt.1

Von der Bedeutung des Buchstabens für das psychische Register handelt auch der Text „Propos sur l’hysterie“2 von 1977, in den Lacans spätere knotentheoretische Überlegungen mit einfließen. In diesem „Propos“ ist besagter Buchstabe derjenige, der als Initiale der Psychoanalyse stehen kann, das Y der Hysterie. In Absehung von jeglicher Bedeutung hält Lacan hier fest, was es mit diesem Buchstaben auf sich hat, wenn man ihn nur real nimmt: Rein formal, als Zeichen, erweise er sich als eine mehrfach gegliederte Gestalt, d.h. als Zusammenschluss dreier Linien an einem Punkt, dem Tripelpunkt. Er steht somit für eine Weggabelung, für den Ort einer Wahl, einer Ausrichtung. Insofern lässt sich das Y auch als etwas ansehen, das dazu taugt, das Reale der Psychoanalyse zu verkörpern: als jenes Reale, das der Ausrichtung der psychoanalytischen Kur eine völlig neue Orientierung gibt und sie weniger am Sinn als am „Absinn“, dem Nichtsinn ausrichtet, anders gesagt, an der „Subversion des Sinns“.

So wie die vorausgehenden Printausgaben stellen wir daher auch die neue Online-Ausgabe der „Revue für Psychoanalyse“ unter das Zeichen des Realen und des „Absinns“, das Y, und verbinden damit folgende Fragen:

– Wie kann die Psychoanalyse den ständig wandelnden Bedingungen und Formen der Subjektivierung, die in Klinik und Gesellschaft heute anfallen, begegnen?

– Wie verhält sie sich zu den beobachtbaren Einebnungen und dem Unkenntlichmachen von Unterscheidungen, auf die wir in der Praxis zu Beginn einer Kur so oft treffen, wenn wir auf wenig differenzierte, diffuse Klagen stoßen, die erst mit der Zeit Kontur und Ausrichtung gewinnen?

– Gehört das, was uns ein Analysant, oftmals überraschend, zu Gehör bringt, in das Zwangskorsett vorgefertigter Theorien oder sollte sich der Psychoanalytiker nicht doch von der Buchstabstäblichkeit, Materialität des Buchstabens leiten lassen?

– Ist die Psychoanalyse in der Lage, sich mit den neuen Formen einer Klinik des Realen zu konfrontieren? Zum Beispiel solchen, wie sie zunehmend in den unterschiedlichen Manipulationen des Körpers, in Süchten und den diffusen Formen psychotischer Zustände auftreten?

– Was lehren die neue Formen und Entwicklungen in Kunst und Wissenschaften den Psychoanalytiker?

– Wie ist seitens der Psychoanalyse den gesellschaftlichen Fragmentierungsprozessen und der teilweise ungebändigten Gewalt zu begegnen?

– Wie reagieren Psychoanalytiker auf unbekannte Erfindungen, die in einer noch unvertrauten Weise heute soziales Band machen?

– Und was haben nicht zuletzt Psychoanalytiker zu den neuen Formen der Sexualität und des Zusammenlebens zu sagen, zu der Vielzahl der neuen sexuellen Identitäten und Reproduktionsmöglichkeiten, den vielen neuen soz. Beziehungsformen?

Unter dem Titel des Buchstabens der Differenz, dem Y, möchte die „Revue für Psychoanalyse“ auch mit ihrer online Ausgabe die psychoanalytische Orientierung für diese und andere Fragen schärfen.

Umgesetzt werden soll dies auf folgende Weise:

– In erster Linie in Form von psychoanalytischen Texten, ferner durch Texte zu Literatur und       sozialphilosophische Beiträge.

– Vorgesehen (noch nicht umgesetzt) ist eine Rubrik, in der historische Texte der Psychoanalyse neu aufgelegt und kommentiert werden.

– Darüberhinaus sehen wir mit der online Version die Möglichkeit, einen Raum zu eröffnen, in dem in Form von Kommentaren und Ergänzungen (Hinweise auf Tagungen, Publikationen oder Filme) das Titelthema fortgeschrieben werden kann.

Michael Meyer zum Wischen –  Edith Seifert
im Namen der Herausgeber

Fußnoten

  1. Ein Thema, das Lacan vor dem „Joyce“-Seminar schon im „Entwendeten Brief“ beschäftigte.
  2. Übersetzt von der Kölner Akademie.


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